Stagnationswasser und Biofilm im Haus 4/6

Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, ob Wassersparen immer sinnvoll ist? Wasser sparen beginnt für viele Menschen am Wasserhahn. Weniger duschen, den Hahn beim Zähneputzen schließen, sparsame Armaturen verwenden.

Doch ausgerechnet in der eigenen Hausinstallation gilt noch eine zweite Regel:

Trinkwasser sollte regelmäßig ausgetauscht werden.

Das Umweltbundesamt warnt ausdrücklich davor, dass lange Leitungen, nicht durchflossene Leitungsstränge und wenig genutzte Rohrabschnitte die Trinkwasserqualität verschlechtern können. Verbraucher können selbst dazu beitragen, die Qualität zu erhalten, indem sie abgestandenes Wasser ablaufen lassen und wenig genutzte Leitungsabschnitte regelmäßig durchspülen.

Damit bekommt Wassersparen eine Grenze, über die bei Sparaufrufen kaum gesprochen wird.

Wasser verändert sich

Trinkwasser kommt in einwandfreier Qualität ins Gebäude.

Doch zwischen Wasserzähler und Wasserhahn passiert einiges.

Das Wasser kommt mit Rohrleitungen, Dichtungen, Armaturen und anderen Materialien in Kontakt. Aus diesen Materialien können Stoffe ins Wasser übergehen. Gleichzeitig beeinflussen Temperatur und Aufenthaltszeit die mikrobiologischen Bedingungen.

Deshalb ist Wasser, das viele Stunden oder sogar Tage in einer Leitung gestanden hat, nicht einfach dasselbe Wasser wie frisch nachströmendes Wasser.

Was ist Stagnation?

Von Stagnation spricht man, wenn Wasser längere Zeit in einer Leitung steht oder nur sehr wenig ausgetauscht wird.

Typische Situationen sind:

  • nachts,
  • während eines Urlaubs,
  • in einem Gäste-WC,
  • in selten benutzten Badezimmern,
  • in leerstehenden Wohnungen,
  • in wenig genutzten Gebäudeteilen.

Je länger Wasser steht, desto stärker können sich die Bedingungen in der Leitung verändern.

Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb ausdrücklich, abgestandenes Wasser ablaufen zu lassen und wenig genutzte Leitungsbereiche regelmäßig durchzuspülen.

Was ist ein Biofilm?

Die Innenwand einer Trinkwasserleitung ist nicht steril.

Auf Oberflächen können sich Mikroorganismen ansiedeln und eine dünne Gemeinschaft bilden, die als Biofilm bezeichnet wird.

Ein Biofilm bedeutet nicht automatisch, dass das Trinkwasser krank macht.

Mikroorganismen gehören grundsätzlich zu wasserführenden Systemen.

Problematisch können jedoch Bedingungen werden, die unerwünschtes mikrobielles Wachstum begünstigen.

Dazu gehören insbesondere lange Aufenthaltszeiten und ungünstige Temperaturen.

Das Umweltbundesamt nennt lange Stagnationszeiten in Kalt- und Warmwasserleitungen ausdrücklich als Risikofaktor bei der hygienischen Bewertung von Trinkwasserinstallationen.

Weniger Nutzung kann schaden

Hier entsteht der direkte Zusammenhang zum Wassersparen.

Wer eine Zapfstelle immer seltener benutzt, spart zunächst Wasser.

Aber gleichzeitig findet dort weniger Wasseraustausch statt.

Das UBA weist sogar bei wassersparenden Armaturen ausdrücklich darauf hin, dass darauf geachtet werden muss, dass in der Trinkwasserinstallation keine Stagnation entsteht.

Das ist bemerkenswert.

Denn damit sagt dieselbe Behörde sinngemäß:

Wasser sparen – ja.

Aber:

Nicht so, dass das Wasser anschließend zu lange in den Leitungen steht.

Auch Kaltwasser kann warm werden

Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt.

Kaltwasser bleibt in einem Gebäude nicht automatisch kalt.

Verlaufen Kaltwasserleitungen neben Warmwasser- oder Heizungsleitungen, sind Schächte warm oder steht das Wasser lange in den Rohren, kann es sich erwärmen.

Das UBA weist ausdrücklich darauf hin, dass Legionellen auch in Kaltwasserleitungen wachsen können, wenn das Wasser lange genug steht und sich erwärmt. Deshalb sollen Leitungen gut wärmeisoliert und regelmäßig genutzt werden.

Das ist besonders wichtig, weil viele Verbraucher Legionellen ausschließlich mit Warmwasser verbinden.

Seltene Nutzung ist ein Problem

Ein Wasserhahn, der selten geöffnet wird, wirkt zunächst besonders sparsam.

Hygienisch kann genau das ungünstig sein.

Das betrifft beispielsweise:

  • Gästezimmer,
  • Gästebäder,
  • Kellerwaschbecken,
  • Ferienwohnungen,
  • unbewohnte Zimmer,
  • leerstehende Wohnungen.

Das UBA nennt wenig genutzte Leitungsabschnitte ausdrücklich als mögliche Ursache einer Verschlechterung der Trinkwasserqualität.

Hier ist Wassersparen nicht mehr einfach eine Frage der Literzahl.

Tote Leitungen sind noch kritischer

Noch problematischer sind Leitungsabschnitte, durch die überhaupt kein Wasser mehr fließt.

Solche nicht durchströmten Bereiche können beispielsweise nach Umbauten entstehen, wenn alte Leitungen nicht vollständig entfernt oder fachgerecht vom System getrennt werden.

Das Umweltbundesamt bezeichnet solche Bereiche ausdrücklich als „tote“ Leitungsstränge und nennt sie neben unnötig langen und wenig genutzten Leitungen als ungünstig für die Trinkwasserqualität.

Ein Verbraucher sieht davon normalerweise nichts.

Die Rohre verschwinden in Wand, Boden und Installationsschacht.

Der Verbraucher sieht das Netz nicht

Genau hier liegt ein großes Informationsproblem.

Der Wasserversorger kann einwandfreies Wasser bis zum Gebäude liefern.

Doch danach beginnt ein Leitungssystem, über das der normale Bewohner häufig kaum etwas weiß.

Er weiß möglicherweise nicht:

  • wie alt die Leitungen sind,
  • aus welchem Material sie bestehen,
  • wo ungenutzte Leitungsabschnitte liegen,
  • wie gut Kalt- und Warmwasserleitungen voneinander isoliert sind,
  • wie lange das Wasser an einzelnen Zapfstellen steht.

Trotzdem beeinflusst seine Nutzung den Wasseraustausch.

Wasser sparen mit Sparduschkopf?

Wassersparende Armaturen sind deshalb nicht grundsätzlich problematisch.

Im Gegenteil: Sie können Wasser und insbesondere Warmwasserenergie deutlich reduzieren.

Das UBA empfiehlt solche Technik ausdrücklich.

Aber es ergänzt eine wichtige Einschränkung: Beim Einsatz wassersparender Armaturen muss darauf geachtet werden, dass es nicht zu Stagnation in der Trinkwasserinstallation kommt.

Genau dieser zweite Satz fehlt häufig in der öffentlichen Kommunikation.

Sparen braucht Wissen

Wer nicht weiß, was Stagnationswasser ist, wird möglicherweise stolz darauf sein, nach drei Wochen Urlaub nur ein halbes Glas Wasser aus dem Hahn zu lassen.

Wer dagegen weiß, dass dieses Wasser lange in der Hausinstallation gestanden hat, wird anders handeln.

Dasselbe gilt für ein selten genutztes Gäste-WC.

Ohne Wissen denkt man:

Da verbrauche ich wenigstens kaum Wasser.

Mit Wissen stellt man eine andere Frage:

Wie lange steht das Wasser dort eigentlich schon?

Das verändert die Art, wie Wassersparen verstanden wird.

Wo soll man sparen?

Das bedeutet nicht, dass Verbraucher ihre Wasserhähne unnötig laufen lassen sollen.

Man kann weiterhin sinnvoll sparen.

Zum Beispiel indem man:

  • den Hahn beim Zähneputzen schließt,
  • unnötig lange Duschen vermeidet,
  • Wasser nicht ohne Zweck laufen lässt,
  • sparsame Geräte verwendet.

Aber davon zu unterscheiden ist Wasser, das aus hygienischen Gründen ausgetauscht werden muss.

Das ist kein beliebiger Mehrverbrauch.

Es erfüllt einen Zweck.

Die falsche Botschaft

Problematisch wird deshalb ein Sparaufruf, der nur lautet:

„Jeder Liter zählt.“

Denn ein Verbraucher könnte daraus schließen, dass auch das Ablaufenlassen von Stagnationswasser eine Verschwendung ist.

Das UBA empfiehlt aber genau dieses Ablaufenlassen ausdrücklich. Ebenso sollen wenig genutzte Leitungsabschnitte regelmäßig durchgespült werden.

Eine korrektere Botschaft müsste deshalb lauten:

Vermeiden Sie unnötigen Wasserverbrauch – aber sorgen Sie weiterhin für den notwendigen Wasseraustausch in Ihrer Hausinstallation.

Verantwortung im Gebäude

Die Trinkwasserqualität ist deshalb keine Angelegenheit, die ausschließlich im Wasserwerk entschieden wird.

Planung, Ausführung und Betrieb der Trinkwasserinstallation sind ebenfalls entscheidend.

Das Umweltbundesamt betont ausdrücklich, dass unnötig lange Rohrleitungen, tote Leitungsstränge, wenig genutzte Abschnitte, schlechte Wärmedämmung und ungünstige Warmwassertemperaturen die Trinkwasserqualität verschlechtern können.

Der Verbraucher kann nicht alle diese Probleme selbst lösen.

Aber er kann sie nur erkennen oder hinterfragen, wenn er überhaupt weiß, dass sie existieren.

Fazit

Wassersparen und Trinkwasserhygiene widersprechen sich nicht grundsätzlich. Aber sie müssen zusammen gedacht werden.

Eine sparsame Nutzung ist sinnvoll.

Stagnation ist es nicht.

Wenig genutzte Leitungen müssen weiterhin regelmäßig durchströmt werden. Abgestandenes Wasser sollte nicht aus falsch verstandenem Sparwillen genutzt werden, wenn eigentlich frisches Wasser nachströmen sollte.

Das Umweltbundesamt macht diesen Zusammenhang selbst deutlich: Wassersparende Armaturen sind sinnvoll – sofern dadurch keine Stagnation entsteht.

Vielleicht müsste genau dieser Satz viel häufiger in Wassersparaufrufen stehen.

Quellen

Umweltbundesamt: Trinkwasser verteilen – zu Stagnationswasser, wenig genutzten Leitungsabschnitten, toten Leitungssträngen und dem Einfluss der Hausinstallation.

Umweltbundesamt: Bewusster Umgang mit Warmwasser – zu wassersparenden Armaturen, Stagnation, Temperaturen und regelmäßiger Nutzung.

Umweltbundesamt: Water Safety Plan für Gebäude – zu langen Stagnationszeiten und erhöhten Kaltwassertemperaturen als hygienischen Risikofaktoren.

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