Wasser sparen – aber richtig 1/6

Warum weniger nicht immer besser ist

„Bitte Wasser sparen.“ Dieser Satz ist in heißen und trockenen Sommern schnell ausgesprochen. Weniger duschen, den Rasen nicht sprengen, das Auto nicht waschen, den Pool nicht füllen. Die Botschaft scheint eindeutig: Je weniger Trinkwasser wir verbrauchen, desto besser.

Doch so einfach ist es nicht.

Wasser muss nicht nur gespart, sondern auch transportiert, hygienisch einwandfrei gehalten und nach der Nutzung wieder abgeführt werden. Und dafür braucht unsere bestehende Infrastruktur Wasserbewegung.

Das Umweltbundesamt weist selbst darauf hin, dass Wassermenge und Wasserqualität zusammen gedacht werden müssen. Es hat sich bereits 2014 ausführlich mit der Frage beschäftigt, ob Wassersparen in deutschen Privathaushalten „sinnvoll, ausgereizt oder übertrieben“ ist. Dabei beschreibt es genau den Zielkonflikt, über den bei öffentlichen Sparaufrufen kaum gesprochen wird: Sinkende Wassernutzung kann örtlich sowohl im Trinkwasser- als auch im Abwassernetz Probleme verursachen.

Wassersparen hat mehr als eine Seite

Wer über Wassersparen spricht, sollte mindestens vier Fragen auseinanderhalten:

  1. Wie viel Wasser wird aus der Trinkwasserversorgung entnommen?
  2. Bleibt die Trinkwasserhygiene trotz geringerer Entnahme gewährleistet?
  3. Funktionieren Trinkwasser- und Abwassernetze bei den geringeren Durchflüssen noch wie vorgesehen?
  4. Wohin gelangt das Wasser nach seiner Nutzung?

Erst wenn diese Fragen gemeinsam betrachtet werden, wird aus dem einfachen Appell „Wasser sparen“ eine sachgerechte Verbraucherinformation.


1. Die Verbrauchssicht: In Trockenzeiten müssen Spitzen reduziert werden

Natürlich gibt es gute Gründe, mit Trinkwasser sorgsam umzugehen. Besonders in Trockenperioden können hohe gleichzeitige Entnahmen die Versorgung belasten. Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb unter anderem effizientes Gießen, die Nutzung von Regenwasser und eine Reduzierung vermeidbarer Entnahmen. Hinweise der örtlichen Wasserversorger sollen insbesondere dazu beitragen, eine stabile Trinkwasserversorgung aufrechtzuerhalten.

Damit ist aber noch nicht beantwortet, wo gespart werden soll.

Ein nicht gefüllter Swimmingpool ist hygienisch etwas völlig anderes als eine Trinkwasserleitung, die über Tage kaum noch benutzt wird.

Ein nicht gewaschenes Auto ist etwas anderes als eine selten genutzte Zapfstelle im Gebäude.

Und 100 Liter weniger Gartenbewässerung haben für das Wassersystem andere Folgen als 100 Liter weniger Duschwasser.

Genau diese Unterschiede verschwinden hinter dem pauschalen Begriff „Wasserverbrauch“.


2. Die Hygienesicht: Trinkwasser sollte nicht unnötig lange stehen

Das Wasser, das am Hausanschluss ankommt, bleibt nicht automatisch unverändert, bis es irgendwann aus dem Wasserhahn fließt.

In der Hausinstallation zählen Zeit, Temperatur, Leitungsmaterial, Dimensionierung und Nutzung.

Das Umweltbundesamt empfiehlt ausdrücklich, Trinkwasser, das vier Stunden oder länger in der Hausinstallation gestanden hat, nicht für Lebensmittelzwecke zu verwenden. Es soll ablaufen, bis frisches, merklich kühleres Wasser nachkommt. Das abgelaufene Wasser könne beispielsweise zum Blumengießen verwendet werden.

Das ist Stagnationswasser.

Und genau hier beginnt der Widerspruch für den Verbraucher:

Auf der einen Seite hört er:

„Jeden Liter sparen.“

Auf der anderen Seite lautet die hygienische Empfehlung:

„Nach längerer Standzeit Wasser ablaufen lassen.“

Beides kann gleichzeitig richtig sein. Aber nur dann, wenn erklärt wird, warum.

Das UBA weist zudem darauf hin, dass unnötig lange Rohrleitungen, nicht durchflossene „tote“ Leitungsstränge und wenig genutzte Rohrabschnitte die Trinkwasserqualität verschlechtern können.

Wer als Verbraucher weder weiß, was Stagnation ist, noch jemals etwas von Biofilmen und dem notwendigen Wasseraustausch gehört hat, kann diese Zusammenhänge kaum berücksichtigen.


3. Die Infrastruktursicht: Auch unter der Straße muss Wasser fließen

Das Problem endet nicht an der Grundstücksgrenze.

Viele Trinkwasser- und Abwassernetze wurden zu Zeiten geplant, in denen von deutlich höheren Wassermengen ausgegangen wurde. Das Umweltbundesamt beschreibt, dass bestehende Versorgungs- und Entsorgungsinfrastrukturen vielerorts für eine größere Trinkwassernutzung dimensioniert wurden als heute tatsächlich stattfindet.

Sinkt die Entnahme, kann das Trinkwasser länger im Netz verbleiben.

Das UBA schreibt dazu ausdrücklich:

Eine geringe Auslastung könne zu langen Aufenthaltszeiten des Trinkwassers im Leitungsnetz führen. Aus hygienischer Sicht solle Stagnation vermieden werden, weil sie die Trinkwasserqualität beeinträchtigen könne.

Und was geschieht, wenn der normale Verbrauch für ausreichenden Wasseraustausch nicht mehr sorgt?

Dann kann der Wasserversorger Leitungen spülen.

Dabei wird ausgerechnet das getan, wozu die Bevölkerung gleichzeitig angehalten wird, möglichst wenig beizutragen:

Trinkwasser wird durch die Leitung geschickt und anschließend verworfen.

Das bedeutet nicht, dass die Wassersparmaßnahme des einzelnen Haushalts damit automatisch sinnlos wird. Das wäre eine unzulässige Vereinfachung. Spülbedarf hängt von der jeweiligen Netzstruktur, Dimensionierung, Nutzung und den örtlichen Verhältnissen ab.

Aber es zeigt einen realen Zielkonflikt.

Das Umweltbundesamt formuliert dazu bemerkenswert deutlich, dass Wasserversorger und Abwasserentsorger kurzfristig gegebenenfalls Leitungen spülen müssen, während mittelfristig Leitungsquerschnitte und Systeme an die veränderten Volumenströme angepasst werden sollen.

Mit anderen Worten:

Wenn die Bevölkerung dauerhaft weniger Wasser nutzen soll, muss irgendwann auch die Infrastruktur zu diesem geringeren Verbrauch passen.


4. Auch Abwasser braucht Bewegung

Weniger Trinkwasserverbrauch bedeutet bei vielen Nutzungen gleichzeitig weniger Abwasser.

Beim Duschen, Waschen oder Toilettenspülen gelangt das genutzte Wasser anschließend in die Kanalisation.

Sinken diese Abwassermengen stark, können auch dort Probleme auftreten.

Das UBA beschreibt, dass bei zu langsam fließendem oder stagnierendem Abwasser Fäulnis entstehen kann. Damit verbunden seien unter anderem Geruchsbelästigungen und Korrosionserscheinungen. Kurzfristig könnten deshalb auch Abwasserkanäle gespült werden müssen.

Auch hier entsteht also ein Paradox:

Der Verbraucher reduziert seinen Wassergebrauch – der Betreiber muss möglicherweise an anderer Stelle Wasser einsetzen, damit die bestehende Infrastruktur funktioniert.

Das UBA lehnt daraus allerdings ausdrücklich die Schlussfolgerung ab, Verbraucher sollten deshalb einfach mehr Wasser verbrauchen. Fachleute der Wasserver- und Abwasserentsorgung könnten notwendige Spülmaßnahmen gezielter durchführen als Verbraucher durch ungezielte Mehrnutzung. Langfristig müsse die Infrastruktur angepasst werden.

Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Die Lösung lautet nicht:

„Verbraucht wieder mehr.“

Sie lautet:

„Spart sinnvoll – und passt die Infrastruktur an.“


5. Nicht jedes genutzte Wasser nimmt denselben Weg

Noch komplizierter wird die Betrachtung, wenn wir fragen, was nach der Nutzung mit dem Wasser geschieht.

Duschwasser gelangt in aller Regel über die Kanalisation zur Abwasserbehandlung.

Bei der Gartenbewässerung ist der Weg ein anderer.

Ein Teil des Wassers wird von Pflanzen aufgenommen und über Verdunstung wieder an die Atmosphäre abgegeben. Ein anderer Teil kann in den Boden versickern. Ob und wie viel davon tatsächlich zur Grundwasserneubildung beiträgt, hängt unter anderem von Boden, Pflanzenbewuchs, Witterung und Standort ab.

Deshalb wäre es falsch zu behaupten:

„Gartenbewässerung geht einfach zurück ins Grundwasser.“

Ebenso verkürzt wäre aber die Aussage:

„Das Wasser ist danach weg.“

Das UBA betont grundsätzlich die Bedeutung von Versickerung, Verdunstung und Wasserrückhalt für den lokalen Wasserhaushalt und empfiehlt für die Gartenbewässerung vorrangig Regenwasser.

Für den Wasserversorger zählt in einer angespannten Versorgungslage allerdings zunächst etwas anderes: Jeder Liter Trinkwasser, der zum Gießen aus dem Netz entnommen wird, fehlt in diesem Moment in Behältern, Leitungen und Förderkapazitäten.

Auch hier können also zwei Aussagen gleichzeitig richtig sein:

Gartenbewässerung kann das Trinkwassernetz in einer Verbrauchsspitze belasten.

Und:

Wasser, das auf einer unversiegelten Fläche verwendet wird, nimmt einen anderen Weg durch den Wasserkreislauf als Wasser, das unmittelbar in die Kanalisation gelangt.


6. Der Verbraucher kennt seine Hausinstallation kaum

Vielleicht liegt hier das größte Informationsdefizit.

Viele Menschen wissen nicht,

  • was Stagnationswasser ist,
  • wie sich Trinkwasser während langer Standzeiten verändern kann,
  • was ein Biofilm ist,
  • warum selten genutzte Leitungen problematisch sein können,
  • warum kaltes Trinkwasser möglichst kühl bleiben sollte,
  • oder warum nach längerer Abwesenheit ein ausreichender Wasseraustausch erforderlich ist.

Gleichzeitig liegt gerade dieser Bereich nicht mehr allein in der Hand des Wasserversorgers.

Das Umweltbundesamt stellt klar, dass die letzten Meter der Wasserleitung im Gebäude in der Verantwortung der Hauseigentümer liegen und dass Planung, Installation und Betrieb für die Trinkwasserqualität entscheidend sind.

Wer das nicht weiß, hört beim Wassersparaufruf möglicherweise nur:

Wasserhahn möglichst wenig öffnen.

Dabei müsste die eigentliche Botschaft lauten:

Vermeide unnötigen Wasserverbrauch – aber erhalte den hygienisch notwendigen Wasseraustausch.


Wassersparen ist keine Mathematikaufgabe mit nur einer Zahl

Das Umweltbundesamt hat schon vor Jahren einen bemerkenswerten Gedanken formuliert: Bei Trinkwasser gehe es weniger um das absolute Sparen als um einen bewussten Konsum unter Berücksichtigung ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Aspekte. Außerdem unterscheidet das UBA selbst zwischen „Wasser verbrauchen“ und „Wasser gebrauchen“, weil Wasser nach seiner Nutzung nicht einfach verschwindet, sondern in den Wasserkreislauf zurückkehrt.

Genau das fehlt in vielen heutigen Sparappellen.

Die Aussage

„Bitte Wasser sparen“ ist nicht falsch. Aber sie ist unvollständig. Eine ehrliche Verbraucherkommunikation müsste zusätzlich erklären:

  • Wo soll besonders gespart werden?
  • Wo darf Sparen nicht zulasten der Trinkwasserhygiene gehen?
  • Welche Folgen hat ein dauerhaft geringerer Verbrauch für Trinkwasser- und Abwassernetze?
  • Und was geschieht mit dem Wasser nach seiner Nutzung?

Erst dann kann der Verbraucher eine informierte Entscheidung treffen.

Fazit

Wassersparen bleibt wichtig – insbesondere dort, wo hohe Spitzenentnahmen eine örtlich angespannte Versorgung zusätzlich belasten.

Doch „weniger ist immer besser“ ist kein tragfähiges Prinzip für ein komplexes Wassersystem.

  • Trinkwasser muss geschützt werden.
  • Trinkwasser muss fließen.
  • Abwasser muss transportiert werden.
  • Hausinstallationen müssen hygienisch betrieben werden.
  • Und Infrastruktur muss sich langfristig an veränderte Verbrauchsmengen anpassen.

Das bessere Ziel lautet deshalb nicht:

So wenig Wasser wie möglich.

Sondern:

So wenig wie sinnvoll – und so viel wie notwendig.

Quellen und weiterführende Informationen

Umweltbundesamt: „Wassersparen: sinnvoll, ausgereizt oder übertrieben?“
Das UBA beschreibt hier ausdrücklich mögliche Stagnation im Trinkwassernetz, Faulgase im Abwassernetz sowie notwendige Spülungen und langfristige Netzanpassungen.

Umweltbundesamt: „Wassersparen in Privathaushalten: sinnvoll, ausgereizt, übertrieben?“
Ausführliches Hintergrundpapier zu Wasserressourcen, Verbrauch, Hygiene, Infrastruktur, Energie und Kosten.

Umweltbundesamt: „Trinkwasser-Installation: Auf die letzten Meter kommt es an“
Informationen zu Stagnationswasser und zur Nutzung von frischem, kühlem Trinkwasser.

Umweltbundesamt: „Trinkwasser aus der Leitung: nachhaltig, gesund, günstig“
Aktuelle Verbraucherhinweise, unter anderem zur Vier-Stunden-Regel und zur Verantwortung für die Hausinstallation.

Umweltbundesamt: „Trinkwasser verteilen“
Hinweise zu wenig genutzten und nicht durchflossenen Leitungsabschnitten sowie zur Bedeutung von Planung und Betrieb der Hausinstallation.

Umweltbundesamt: „Wassersparen im Alltag“
Hinweise zum sorgsamen Umgang mit Wasser und der ausdrückliche Hinweis, dass Wassermenge und Wasserqualität gemeinsam betrachtet werden müssen.

Umweltbundesamt: „Tipps für eine nachhaltige Regenwassernutzung“ und „Regenwasserbewirtschaftung“
Informationen zu Bewässerung, Versickerung, Verdunstung und lokalem Wasserrückhalt.

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