Der Originalartikel des SWR vom 3. Juni 2026 liefert die konkreten Antworten zu diesem Fall, der sich in Stuttgart-Zuffenhausen in zwei großen Wohnblöcken abspielt. Die Chronologie der Ereignisse und die Gründe für das späte Bemerken lassen tief in die bürokratischen und baulichen Abläufe blicken.
Seit wann ist das Problem bekannt?
Der zu hohe Bleigehalt ist in diesem konkreten Fall seit Februar 2024 offiziell bekannt.
Zu diesem Zeitpunkt wurde das Leitungswasser erstmals überprüft und die Grenzwertüberschreitung festgestellt. Daraufhin wurde den Mietern der betroffenen 86 Wohnungen im Mai 2024 untersagt, das Wasser zum Trinken, Kochen oder Zähneputzen zu nutzen. Die Bewohner leben dort also bereits seit über zwei Jahren mit diesem Zustand.
Wieso hat man das nicht früher bemerkt?
Dass das Problem erst so spät entdeckt wurde und bis heute nicht gelöst ist, hat zwei wesentliche, im Artikel genannte Gründe:
- Keine typischen Bleirohre im Haus: Der Vermieter – die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG), eine Tochtergesellschaft der Stadt – betonte auf Nachfrage, dass sich in den Gebäuden gar keine klassischen Bleileitungen befunden hätten. Das ist der Grund, warum vermutlich bei früheren oberflächlichen Prüfungen oder Sanierungsplanungen kein Alarm geschlagen wurde.
- Das „versteckte“ Blei in den Verbindungsstücken: Die Quelle des Gifts lag im Detail. Schuld am hohen Bleigehalt waren laut SWSG alte Verbindungsstücke (Fittings) zwischen den Rohren. Diese gaben über die Jahre unbemerkt Blei an das durchfließende Wasser ab. Da diese Bauteile in der Wand liegen und das Wasser weder verfärben noch den Geschmack verändern, fiel es jahrzehntelang niemandem auf.
Das Behörden- und Sanierungsversagen im Anschluss
Besonders brisant an der Chronologie ist, was nach dem Bemerken geschah. Obwohl seit 2024 bekannt, ist das Wasser bis heute ungenießbar. Das liegt an einer massiven Fehlplanung bei der Sanierung:
- Halbherzige Sanierung: Erst im September 2025 – also anderthalb Jahre nach dem ersten Befund – wurden die Rohre ausgetauscht. Allerdings nur im Keller. Die SWSG hoffte, dass diese Maßnahme ausreicht, um den Grenzwert im gesamten Haus zu senken.
- Der Fehlschlag: Nachmessungen im November 2025 und Januar 2026 zeigten, dass das Wasser in den Wohnungen immer noch stark mit Blei belastet ist, weil die Leitungen in den oberen Stockwerken eben nicht angefasst wurden.
- Die Rolle des Gesundheitsamtes: Der Sprecher der Mietergemeinschaft, Daniel Boy, berichtet, dass er das Gesundheitsamt mehrfach kontaktiert, aber nie eine Antwort erhalten habe. Auf SWR-Anfrage bestätigte das Amt zwar, in Kontakt mit der SWSG zu stehen, schreitet aber nicht rigoros ein. Da die SWSG im Keller „etwas getan“ hat, droht das Amt nicht einmal mit dem gesetzlichen Bußgeld (bis zu 25.000 Euro) wegen Verfehlens der gesetzlichen Austauschfrist (die am 12. Januar 2026 ablief). Die Behörde duldet stattdessen, dass die restlichen Sanierungen bis Anfang 2027 dauern dürfen.
Das bittere Fazit des Artikels: Familie Allan und die anderen 85 Parteien wurden nach einer kurzen Phase der Flaschenlieferung im Mai 2024 mit einer zehnprozentigen Mietminderung abgespeist und müssen nun voraussichtlich bis 2027 – also insgesamt drei Jahre lang – ihr tägliches Nutzwasser in Flaschen nach Hause schleppen.