Wer wohnt in alten unsanierten Häusern?

Soziale Ungleichheit und Blei

Bleirohre sind keine reine Technikfrage. Sie sind auch eine soziale Frage – denn wer in alten, unsanierten Häusern wohnt, ist häufig genau derjenige, der sich gegen das Risiko am wenigsten wehren kann.

Die Sozialstruktur unsanierter Altbauten ist komplexer als das Stereotyp „arme Menschen wohnen in schlechten Häusern“. Zwar konzentrieren sich in unsanierten Gebäuden einkommensschwache Haushalte, ältere Menschen, Migranten und Studierende mit schlechter Marktposition. Die Mietpreisbindung wirkt paradoxerweise als Bremse für Sanierungen: Für Vermieter ist die Sanierung wirtschaftlich oft nicht lohnend, sodass sie den Status quo aufrechterhalten – und niedrige Mieten ziehen wiederum Haushalte mit geringem Einkommen an. In unsanierten Gebäuden in Stuttgart machen Haushalte mit einem Nettoeinkommen unter 1250 Euro monatlich etwa 14 Prozent aus.

Gleichzeitig gibt es eine Gegenströmung: Der Charme von Altbauten – hohe Decken, großzügige Grundrisse, zentrale Lage – zieht auch Haushalte mit höherem Einkommen an. Die Verteilung ist also nicht einheitlich. Entscheidend ist jedoch: Die Gruppe der Mieter mit finanziellen Schwierigkeiten wächst. Laut einer YouGov-Umfrage von 2026 können nur noch 34,1 Prozent der Mieter ihre Wohnkosten problemlos tragen (2023 waren es über 44 Prozent), und 29,7 Prozent zahlen mindestens 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnkosten.

Das sind die Menschen, die bei einem Bleiproblem besonders verwundbar sind. Sie können weder umziehen noch die Kosten für die Problemlösung tragen. Und sie fallen nicht unter die kostenlosen Testangebote, die in vereinzelt nur für Schwangere gelten. Die soziale Ungleichheit des Bleirisikos ist damit doppelt: Wer betroffen ist, hat oft weniger Mittel, und wer weniger Mittel hat, erfährt seltener von seinem Risiko.

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