Wasser sparen klingt zunächst immer vernünftig. Doch was passiert eigentlich im öffentlichen Trinkwassernetz, wenn die Menschen dauerhaft immer weniger Wasser entnehmen?
Die einfache Antwort lautet: Das Wasser bleibt länger in den Leitungen.
Und genau das kann zum Problem werden.
Das Umweltbundesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass geringere Wassernutzung örtlich zu Problemen in den Rohrleitungen führen kann. Durch Wassersparen, demografischen Wandel oder Bevölkerungsrückgang könne Wasser in Trinkwassernetzen stagnieren und dadurch die Trinkwasserqualität beeinträchtigt werden.
Das ist ein Punkt, der in öffentlichen Wassersparaufrufen kaum vorkommt.
Das Netz braucht Entnahme
Ein Trinkwassernetz funktioniert nicht wie ein Vorratsschrank, aus dem man gelegentlich etwas herausnimmt.
Wasser wird ständig gefördert, gespeichert, verteilt und von den Verbrauchern entnommen. Diese Entnahmen sorgen dafür, dass immer wieder frisches Wasser nachströmt.
Sinkt die Entnahme deutlich, verlängert sich die Aufenthaltszeit des Wassers im Netz.
Das ist besonders dort relevant, wo Leitungen groß dimensioniert sind, wenige Menschen versorgen oder nur geringe Mengen abgenommen werden.
Das Umweltbundesamt nennt deshalb ausdrücklich die geringe Auslastung bestehender Leitungsnetze als mögliches Problem.
Umweltbundesamt: Wassersparen und Wassereffizienz
Was bedeutet Stagnation?
Stagnation bedeutet zunächst nichts anderes, als dass Wasser längere Zeit kaum oder gar nicht bewegt wird.
Das kennt man aus der eigenen Wohnung: Nach einer längeren Abwesenheit lässt man das Wasser zunächst ablaufen, bis wieder frisches, kühles Wasser aus der Leitung kommt.
Im öffentlichen Trinkwassernetz sind die Dimensionen natürlich völlig andere.
Dort geht es um große Rohrleitungen und ganze Netzabschnitte. Wird aus einem Bereich wenig Wasser entnommen, dauert es länger, bis das darin befindliche Wasser durch neu eingespeistes Trinkwasser ersetzt wird.
Eine längere Aufenthaltszeit bedeutet nicht automatisch, dass das Wasser plötzlich gesundheitsschädlich wird. Sie schafft aber ungünstigere Bedingungen für die Sicherung einer gleichbleibenden Wasserqualität.
Das UBA formuliert es entsprechend vorsichtig, aber eindeutig: Stagnation kann die Trinkwasserqualität beeinträchtigen.
Umweltbundesamt: Wassersparen – sinnvoll, ausgereizt oder übertrieben?
Warum längere Standzeiten ungünstig sind
Trinkwasser ist nicht steril. Auch einwandfreies Trinkwasser enthält Mikroorganismen. Das Umweltbundesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass Trinkwasser nicht keimfrei ist.
Entscheidend ist deshalb nicht die Vorstellung eines völlig keimfreien Wassers, sondern dass das gesamte Versorgungssystem so betrieben wird, dass sich die Wasserqualität nicht nachteilig verändert.
Umweltbundesamt: Mikrobiologie des Trinkwassers
Je länger Wasser in einem Leitungssystem verbleibt, desto mehr Zeit besteht für Wechselwirkungen mit Rohrwandungen, Ablagerungen und den dort vorhandenen mikrobiellen Gemeinschaften.
Dabei sollte man sauber bleiben: Eine lange Verweilzeit allein beweist keine Verkeimung.
Sie ist aber ein hygienisch ungünstiger Faktor.
Genau deshalb spielt der regelmäßige Wasseraustausch auch in der Trinkwasserhygiene eine so große Rolle.
Dann wird eben gespült
Wenn die normalen Entnahmen der Verbraucher nicht für ausreichenden Wasseraustausch sorgen, können Wasserversorger gezielt Leitungen spülen.
Dabei wird Wasser mit erhöhtem Durchfluss durch bestimmte Netzbereiche geleitet und anschließend beispielsweise über Hydranten oder Spülstellen abgegeben.
Technisch kann das notwendig sein.
Aus Sicht des Wassersparens wirkt es allerdings paradox:
Die Bevölkerung soll weniger Trinkwasser entnehmen – und der Wasserversorger muss Trinkwasser aus dem Netz ablaufen lassen.
Das Umweltbundesamt spricht dieses Problem selbst an. Es hält jedoch nichts davon, dass Verbraucher deshalb absichtlich mehr Wasser verbrauchen. Notwendige Spülungen könnten von den Fachleuten der Wasserversorgung gezielt durchgeführt werden.
Das ist nachvollziehbar. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen:
Dieses Wasser muss erst gefördert, gegebenenfalls aufbereitet, gespeichert und durch das Netz transportiert werden, bevor es bei einer Spülung wieder verworfen wird.
Auch eine notwendige Spülung verbraucht also eine Ressource.
Ist das Wasserverschwendung?
Hier muss man genau unterscheiden.
Wenn eine Spülung erforderlich ist, um einen sicheren Netzbetrieb oder die Trinkwasserqualität zu gewährleisten, ist sie technisch keine sinnlose Verschwendung.
Aber sie zeigt, dass die vorhandene Infrastruktur Wasser benötigt, selbst wenn der Endverbraucher möglichst wenig davon nutzen soll.
Das ist der entscheidende Zielkonflikt.
Wassersparen kann auf der Ebene des Haushalts erfolgreich sein und gleichzeitig dazu führen, dass an anderer Stelle betriebliche Maßnahmen notwendig werden.
Deshalb ist die Gesamtbilanz komplizierter als:
100 Liter weniger am Wasserhahn = 100 Liter Wasser eingespart.
Warum sind die Leitungen so groß?
Viele Leitungsnetze sind über Jahrzehnte gewachsen. Bei ihrer Planung wurden frühere Verbrauchsmengen, Bevölkerungsentwicklungen, industrielle Nutzung, Löschwasserbedarf und Spitzenverbräuche berücksichtigt.
Verändert sich die Nutzung, verändert sich die Infrastruktur aber nicht automatisch mit.
Eine Trinkwasserleitung wird nicht kleiner, nur weil die Haushalte wassersparende Toiletten, Arm