Giftiges Blei: Mehr als 80 Wohnungen in Stuttgart-Zuffenhausen seit zwei Jahren ohne Trinkwasser Quelle
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2024 ist in zwei Wohnblöcken in Stuttgart-Zuffenhausen festgestellt worden, dass dort das Trinkwasser mit dem giftigen Schwermetall Blei belastet ist. Seitdem ist den Mieterinnen und Mietern das Kochen, Zähneputzen und Trinken mit diesem Wasser untersagt. Vor allem für Familien und ältere Menschen in den Wohnungen ist der Zustand zu einer Belastung geworden.
Familie mit vier Kindern ist verzweifelt
„Ich habe ein schlechtes Gefühl, wenn meine Kinder in unserer Wohnung duschen oder sich die Zähne putzen. Ich trage die Verantwortung für meine Familie“, erzählt Asad Allan. Der 51-Jährige lebt seit mehr als sechs Jahren in dem Wohnblock und arbeitet zudem in seiner Wohnung als Tagesvater.
Bleihaltiges Wasser ist laut Bundesumweltamt auch in sehr niedrigen Aufnahmemengen gesundheitsgefährdend. Ungeborene, Säuglinge und Kleinkinder sind besonders gefährdet. Bei ihnen könne Blei im Trinkwasser das Nervensystem schädigen sowie die Blutbildung und die Intelligenzentwicklung beeinträchtigen. Täglich müsse Asad Allan los, erzählt er, entweder um Trinkflaschen zu kaufen oder leere Flaschen wieder wegzubringen. Allan lebt mit seiner Frau und vier Kindern in der Wohnung. „Ich habe einen Anwalt eingeschaltet. Was hier passiert, ist nicht in Ordnung“, sagt er.

Mieter: Geduld der Bewohner ist am Ende
So wie ihm und seiner Familie geht es in Stuttgart-Zuffenhausen vielen Bewohnerinnen und Bewohnern, ihre Geduld ist am Ende. Das zeigt ein Vor-Ort-Termin des SWR. Viele, die hier in den 86 Wohnungen leben, haben einen Wohnberechtigungsschein. Auch Fotini Tsikakis belastet die Situation. Die 83-Jährige ist alleinstehend und läuft täglich mit einem Rucksack auf dem Rücken in den Keller, um Wasserflaschen zu holen. Ohne die Hilfe ihrer Kinder, die ihr Wasserkanister bringen, hätte sie überhaupt kein Wasser im Haus, sagt sie.
Ohne meine Kinder hätte ich kein Wasser im Haus.
Fotini Tsikakis, Bewohnerin
Bleihaltige Rohre müssen ausgetauscht werden
Insbesondere Altbauten in Deutschland verfügen über Bleileitungen. Seit rund drei Jahren sind Vermieter in Deutschland jedoch verpflichtet, alle bleihaltigen Rohre und Installationen bis Januar 2026 auszutauschen. In Stuttgart-Zuffenhausen wurde erstmals im Februar 2024 das Leitungswasser überprüft und dabei ein zu hoher Bleigehalt festgestellt. Anschließend wurde den Mietern die Nutzung des Wassers zum Trinken, Kochen und Zähneputzen untersagt.
Vermieter ist Tochtergesellschaft der Stadt Stuttgart
Der Vermieter der Wohnungen ist die „Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft“ (SWSG). Das Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft der Stadt Stuttgart und besitzt fast 20.000 Mietwohnungen in der Stadt. Vergangenes Jahr hat sie laut SWSG-Geschäftsbericht einen Gewinn von rund 20 Millionen Euro vermeldet.
Auf SWR-Anfrage teilt das Unternehmen mit, dass sich in den genannten Gebäuden keine Bleileitungen befänden. Grund für den zu hohen Bleigehalt im Wasser seien demnach Verbindungsstücke zwischen den Rohren, die Anteile mit Blei an das Wasser abgeben würden.

TrinkwasserverordnungSchluss mit Blei in Wasserleitungen
SWSG hat Miete reduziert
Als Ausgleich belieferte die SWSG im Mai 2024 die Wohnungen zunächst einige Tage mit Wasserflaschen. Dann wurden die Lieferungen eingestellt und dafür die Grundmiete für alle Wohnungen ab Juni 2024 um zehn Prozent gemindert. Erst nach mehr als einem Jahr, im September 2025, wurde der Austausch der Leitungen im Keller der Gebäude fertiggestellt. Auch für die Zeit des Umbaus gewährte die SWSG eine zusätzliche Mietminderung, allerdings wurden die Grundmieten im Juli 2025 erhöht, berichten Mieter dem SWR.
Das Nutzungsverbot von Trinkwasser wurde nach dem Austausch nicht aufgehoben. Denn obwohl die Leitungen im Keller ausgetauscht wurden, sei der Bleigehalt im Wasser weiterhin noch zu hoch, teilte die SWSG in einem Schreiben an die Mieter im November 2025 mit. Ein möglicher Grund: Bei den Umbauarbeiten wurden nur die Rohre und Verbindungsstücke im Keller ausgetauscht, die restlichen Leitungen in den Häusern jedoch nicht. Auf Nachfrage erklärt das Unternehmen, dass die Maßnahmen im Keller dazu beitragen sollten, den Bleigehalt im Wasser auf ein zulässiges Niveau zu senken. Da dies nicht erreicht worden sei, seien weiterführende Sanierungen notwendig.

„Es ist einfach unverständlich, warum hier nicht gleich alle Leitungen ausgetauscht wurden. Aber die Wohnungsnot in Stuttgart ist so groß, da wird auf die Mieter hier keine Rücksicht genommen“, sagt Ursel Beck vom Verein Mieterinitiativen Stuttgart. Sie vertritt die Interessen der Mieter gegenüber verschiedener, großer Wohnungsgesellschaften, darunter ist auch die SWSG.
Mietervereinigung versucht sich zu wehren
Daniel Boy ist Sprecher der Mietergemeinschaft in Stuttgart-Zuffenhausen und versucht gemeinsam mit Ursel Beck auf die Missstände aufmerksam zu machen. „Ich habe das Gesundheitsamt mehrmals kontaktiert und nie eine Antwort bekommen. Es ist einfach deprimierend“, erzählt Boy. Immer wieder würden Bewohnerinnen und Bewohner auf ihn zukommen und sich beschweren, aber ihm seien die Hände gebunden. „Ich habe alles versucht, aber ich glaube nicht daran, dass die restlichen Rohre in naher Zukunft ausgetauscht werden“, sagt er.
Einen Termin für einen weiteren Austausch wurde den Mietern bislang nicht genannt, erzählt der Sprecher der Mietergemeinschaft Daniel Boy. Auf Anfrage teilt die SWSG mit, voraussichtlich im September 2026 mit den Arbeiten beginnen zu wollen. Sobald der genaue Ablauf und die exakten Termine feststünden, würden die Mieterinnen und Mieter rechtzeitig und umfassend informiert werden. Beim letzten Umbau hatte die SWSG den Mietern Container zum Waschen bereitgestellt, die im Innenhof der Gebäude standen.
Überblick: Bleigehalt in Wohnblocks in Stuttgart-Zuffenhausen
- März 2024: Erste Ankündigung zur Überwachung der Trinkwasserqualität
- Mai 2024: Feststellung zulässiger Grenzwert überschritten, Nutzungsverbot von Trinkwasser, Mieter werden mit Wasserlieferungen versorgt
- Juni 2024: Mietminderung um zehn Prozent, keine weiteren Wasserlieferungen
- Juli 2024: Fachingenieur wird von der SWSG beauftragt
- September 2025: Rohre im Keller werden ausgetauscht
- Oktober 2025: Erneute Untersuchungen
- Januar 2026: Wasserentnahme nach Umbau
- März 2026: Ankündigung Grenzwert weiter überschritten
Gesundheitsamt hat Kontakt zu SWSG aufgenommen
Auf Anfrage des SWR bestätigt das Gesundheitsamt, bereits Kontakt zur SWSG aufgenommen zu haben. Denn eigentlich ist die gesetzliche Frist für den Austausch von bleihaltigen Rohren am 12. Januar 2026 verstrichen. Bei Nichteinhaltung drohen laut Gesetz Bußgelder bis zu 25.000 Euro. „Da die genannte Überschreitung trotz der ergriffenen Maßnahmen auftrat, lässt der Betreiber weitere Sanierungsmaßnahmen durchführen. Diese werden voraussichtlich bis Anfang 2027 abgeschlossen“, so das Gesundheitsamt auf Nachfrage.
Heißt konkret: Die SWSG muss aufgrund der bereits getätigten Umbauarbeiten im Keller vermutlich keine Bußgelder befürchten, die Menschen in den Wohnblöcken müssen jedoch noch viele weitere Monate ohne sauberes Trinkwasser auskommen.“