Ist Wasser ein Mineralstoff-Lieferant? Ein Rechenbeispiel räumt auf
Einer der hartnäckigsten Mythen rund ums Trinkwasser lautet: Wir müssten unseren Mineralstoffbedarf über das Wasser decken – ob nun über besonders mineralstoffreiches Mineralwasser oder über „hartes“, kalkhaltiges Leitungswasser.
Die ernährungsphysiologische Realität sieht anders aus: Der menschliche Körper deckt weit über 95 bis 99 Prozent seines Mineralstoffbedarfs über die feste Nahrung – nicht über Getränke.
Das bestätigt auch eine Studie der Universität Paderborn im Auftrag des Forum Trinkwasser e.V.: Wasser ist ideal zur Deckung des Flüssigkeitsbedarfs, doch der Bedarf an den wichtigsten Mineralstoffen wird in erster Linie durch feste Nahrung – einschließlich Milch – gedeckt.
Ein konkretes Rechenbeispiel macht das greifbar: Um allein den täglichen Calciumbedarf eines Erwachsenen über Wasser zu decken, müsste man rund 13 Liter durchschnittliches Leitungswasser oder etwa 5 Liter calciumreiches Mineralwasser trinken. Eine einzige Scheibe Emmentaler dagegen deckt bereits die Hälfte des Tagesbedarfs.
Die eigentliche Funktion von Wasser im Körper ist eine andere: Es dient als Lösungs-, Reinigungs- und Transportmittel – nicht als primäre Nährstoffquelle.
Warum diese Klarstellung wichtig ist: Sie entzaubert ein Spielfeld, auf dem beide Seiten oft an der Biologie vorbeiargumentieren. Wasserfilter-Anbieter nutzen gern die Angst vor angeblichem „Mineralstoffverlust“ durch Filterung oder die Sorge vor „Verkalkung“. Verteidiger des klassischen Leitungswassers und Vertreter der Mineralwasserindustrie wiederum nutzen den angeblichen Mineralstoffreichtum als Verkaufsargument, als sei Wasser unsere wichtigste Mineralstoffquelle. Beides trifft die tatsächliche Funktion von Wasser im Organismus nicht.
Wer sich beim nächsten Werbeversprechen – ob für Filter oder für mineralstoffreiches Flaschenwasser – fragt, ob hier ernährungsphysiologisch sauber argumentiert wird, hat mit diesem einfachen Fakt schon ein gutes Werkzeug in der Hand.