Das unsichtbare Erbe in der Wand: Warum Blei im Trinkwasser kein reines Altbau-Problem ist
Ein schöner Neubau mit moderner Holzhybrid-Architektur, Solaranlagen auf dem Dach und einem CO2-freien Energiekonzept – so präsentieren städtische Wohnungsbaugesellschaften heute gerne ihre Zukunftsprojekte. Doch schaut man nur ein paar Meter weiter in die unrenovierten Bestandsbauten der 1950er- und 60er-Jahre, weicht der Glanz schnell der Ernüchterung. Dort kämpfen Mieterinitiativen seit Jahren mit einer ganz banalen, aber essenziellen Frage: Wie sauber ist eigentlich das Wasser, das bei uns aus der Wand kommt?
Fälle von Grenzwertüberschreitungen bei Schwermetallen in großen Wohnanlagen wirbeln derzeit viel Staub auf. Meist beginnt es mit einer sichtbaren Veränderung: Das Wasser fließt bräunlich und rostig aus dem Hahn. Was viele nicht wissen: Die sichtbare Eisen-Korrosion ist oft das Warnsignal, das ein viel gefährlicheres, unsichtbares Problem ans Licht bringt – im Wasser gelöstes Blei.
Das Nord-Süd-Gefälle: Ein historischer Trugschluss
Wer sich mit der Bleiproblematik in Deutschland beschäftigt, stößt schnell auf ein klares geografisches Muster. Historisch gesehen gibt es zwei völlig unterschiedliche Ausgangslagen:
- Der Norden und Osten: In Ballungsräumen wie Hamburg, Bremen oder Teilen Sachsens war Blei bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein der Standardwerkstoff für Wasserleitungen. Erst 1973 folgte das bundesweite Verbot. In unrenovierten Vorkriegs-Altbauten existieren hier oft noch durchgehende Bleistränge.
- Der Süden: In weiten Teilen Württembergs und Bayerns wurde die Verwendung von Bleirohren im öffentlichen Raum aufgrund des weichen Wassers bereits 1878 gesetzlich untersagt. Das öffentliche Verteilnetz und die Hausanschlüsse bis zum Keller sind hier seit Generationen praktisch bleifrei.
Warum also schlagen auch im Süden Mieter in Nachkriegssiedlungen Alarm? Die Antwort liegt im feinen Unterschied zwischen der Zuleitung der Stadtwerke und den letzten Metern innerhalb der Hauseigenanlage.
Die Falle der „versteckten“ Mischinstallation
Selbst wenn ein Gebäude in einer Region steht, in der Nachkriegsbauten theoretisch ohne Bleistränge errichtet wurden, lauert die Gefahr im Detail. Über Jahrzehnte hinweg wurde in den Kellern und Steigleitungen geflickt, repariert und modernisiert.
Dabei entstand in vielen Beständen das Phänomen der sogenannten Mischinstallation. Bei teilweisen Sanierungen wurden oft nur die Steigleitungen getauscht, während kurze Stichleitungen zu den Armaturen, alte Bögen oder bleihaltige Lote in den Wänden blieben. Kommen dann noch minderwertige Messingbauteile aus früheren Jahrzehnten hinzu, die schleichend Blei abgeben, reichert sich das Wasser bei Stagnation – also wenn es über Nacht in der Leitung steht – unbemerkt mit dem Schwermetall an. Blei riecht man nicht, man schmeckt es nicht, und es verändert die Farbe des Wassers nicht.
Große Wohnungsbaugesellschaften stehen unter einem enormen wirtschaftlichen Druck. Sie müssen den Spagat zwischen bezahlbarem Wohnraum, teuren energetischen Sanierungsvorgaben (wie Dämmung und Heizungstausch) und dem Neubau bewältigen. Die Folge: Die unsichtbare Infrastruktur in den Wänden wird oft so lange aufgeschoben, bis der Druck von außen zu groß wird.