Meinung der Autorin:
Es ist das klassische Szenario einer Trinkwasserkrise: Im Netz einer Gemeinde werden Bakterien nachgewiesen. Kurz darauf folgt die offizielle Mitteilung des Wasserversorgers. Neben dem Abkochgebot findet sich dort oft ein Ratschlag, der pragmatisch und beruhigend klingen soll: „Jetzt Wasser laufen lassen hilft – damit das Chlor überall wirken kann!“
Was für den medizinischen Laien nach einer logischen Sofortmaßnahme klingt, lässt Trinkwasserexperten kollektiv die Stirn runzeln. Denn diese Aussage ist nicht nur fachlich stark verkürzt, sondern im schlimmsten Fall eine bewusste Nebelkerze in der Krisenkommunikation.
Am Beispiel von hartnäckigen Keimen wie Pseudomonas aeruginosa – wie sie in der Vergangenheit immer wieder monatelange Netzsanierungen erzwangen – wird deutlich, wie die Bevölkerung hier oft „zum Besten gehalten“ wird.
Die biologische Realität: Chlor ist kein Allheilmittel
Die Gleichung „Chlor rein = Keim weg“ funktioniert in der Praxis moderner Rohrnetze nicht. Pseudomonas aeruginosa besitzt eine natürliche Resistenz gegenüber den Chlordosierungen, die nach der Trinkwasserverordnung im Netz überhaupt zulässig sind (maximal 0,3 mg/l freies Chlor).
Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer: im Biofilm.
Bakterien wie Pseudomonaden schwimmen selten allein im Wasser. Sie verschanzen sich in den schleimigen Schutzschichten an den Rohrinnenwänden und in Totsträngen. Gegen diese verfestigten Biofilme ist die standardmäßige Netzchlorierung nahezu machtlos. Das Chlor kratzt lediglich an der Oberfläche, erreicht aber niemals die tieferen Schichten der Kolonie.
Warum fordern Versorger trotzdem zum „Laufenlassen“ auf?
Wenn der Versorger weiß, dass das Chlor den Keim nicht im Vorbeigehen abtötet, warum dann der Aufruf zum kollektiven Wasserverbrauch? Dahinter stecken rein pragmatische, teils strategische Gründe, die in der Pressemitteilung jedoch verschwiegen werden:
- Mechanische Spülung statt chemische Vernichtung: Durch das Aufdrehen der Hähne im gesamten Stadtgebiet entsteht eine hohe Fließgeschwindigkeit. Diese Scherkräfte spülen stagnierendes Wasser und lose in der Leitung schwebende (planktone) Keime physikalisch aus dem System.
- Unterdrückung der weiteren Ausbreitung: Das Chlor im Wasser tötet zwar den bestehenden Biofilm nicht ab, erschwert es gelösten Bakterien aber zumindest, sich an neuen, noch unbefallenen Stellen im Netz sofort wieder festzusetzen.
- Erreichen der Hausanschlüsse für Messungen: Damit das Labornetzwerk des Versorgers valide Proben nehmen kann, muss das frisch desinfizierte Wasser erst einmal bis zu den Zapfstellen der Bürger vordringen.
Krisenkommunikation auf Kosten der Wahrheit
Anstatt der Bevölkerung diese komplexen, mikrobiologischen und infrastrukturellen Zusammenhänge transparent zu erklären, flüchten sich Behörden und Versorger gerne in Beruhigungspropaganda. Aus einem ehrlichen „Wir müssen das Netz mechanisch spülen und das Wasser in Bewegung halten, um Zeit für die Ursachenforschung zu gewinnen“ wird ein handzahmes „Lassen Sie laufen, das Chlor wirkt dann überall“.
Diese Art der Kommunikation hat eine gefährliche Kehrseite:
- Sie untergräbt das Vertrauen: Wenn die Chlorung über Wochen oder Monate läuft und die Proben immer wieder positiv anschlagen, merken die Bürger, dass das Versprechen der „schnellen Chlor-Wirkung“ nicht stimmt.
- Sie verlagert Kosten und Verantwortung: Der Bürger zahlt die Zeche über die Wasseruhr, während er zu Hause spült, um die strukturellen Mängel oder die langwierige Leckortung im öffentlichen Netz zu unterstützen.
Fazit: Transparenz schlägt Beruhigungshäppchen
Trinkwasserschutz lebt von Fakten, nicht von PR-Phrasen. Wenn das Netz mit Pseudomonas aeruginosa infiziert ist, hilft kein pauschaler Zweckoptimismus. Wasser laufen zu lassen kann als Fließwechselmaßnahme sinnvoll sein – aber eben als mechanische Spülung, nicht weil das Chlor ein Wundermittel ist.
Verbraucher und Experten haben ein Recht auf eine ehrliche Risikokommunikation. Denn nur wer die wahre Ursache versteht, bringt auch das nötige Verständnis für die oft langwierigen Sanierungsmaßnahmen auf.