Warum sinkender Druck die Verkeimungsgefahr erhöhen kann
Ein Trinkwassernotstand wird meist als reines Mengenproblem wahrgenommen: zu hoher Verbrauch, zu wenig Nachschub. Weniger bekannt ist, dass ein damit einhergehender Druckabfall im Leitungsnetz auch die mikrobiologische Sicherheit des Trinkwassers beeinträchtigen kann – über zwei unterschiedliche Mechanismen, die man nicht miteinander verwechseln sollte.
Nicht die allgemeine Fließgeschwindigkeit ist das Problem
Bei außergewöhnlich hohem Verbrauch, wie er einem Trinkwassernotstand meist vorausgeht, ist die Fließgeschwindigkeit in den Hauptleitungen tendenziell eher erhöht als verringert – genau das führt ja zum Absinken der Füllstände in den Hochbehältern und in der Folge zum Druckabfall. Die Verkeimungsgefahr entsteht also nicht durch ein generell „langsameres“ Netz, sondern an zwei spezifischeren Stellen.
Erster Mechanismus: Stagnation in Randbereichen
Sinkt der Druck vor allem in höher gelegenen oder entfernten Netzabschnitten – etwa in einer Hochzone am Rand des Versorgungsgebiets –, kann dort trotz allgemein hohem Gesamtverbrauch der lokale Durchfluss stark zurückgehen oder ganz zum Erliegen kommen. Wenig durchflossene Leitungsabschnitte, Netzenden und selten genutzte Abzweige sind klassische Orte für Stagnationswasser – und Stagnation ist einer der bekanntesten Risikofaktoren für die Vermehrung von Legionellen und anderen Keimen wie Pseudomonas aeruginosa.
Zweiter Mechanismus: Unterdruck und Rücksaugung
Der aus hygienischer Sicht kritischere Effekt betrifft nicht die Fließgeschwindigkeit, sondern den Druck selbst. Sinkt der Druck im Netz stark ab oder kommt es zu Druckschwankungen, können an undichten Stellen – etwa älteren Rohrverbindungen, Muffen oder Hausanschlüssen – Fremdwasser oder Bodenmaterial von außen in die Trinkwasserleitung eingesaugt werden. Dieser sogenannte Rücksaugeffekt ist ein bekannter Übertragungsweg für mikrobiologische Verunreinigungen und einer der Gründe, warum nach Rohrbrüchen oder größeren Druckabfällen häufig vorsorglich Abkochgebote ausgesprochen werden.
Was daraus folgt
Beide Mechanismen bedeuten: Ein anhaltender Trinkwassernotstand mit spürbarem Druckabfall ist nicht nur eine Frage der verfügbaren Wassermenge, sondern potenziell auch eine Frage der mikrobiologischen Sicherheit – besonders in den Netzbereichen, die vom Druckabfall am stärksten betroffen sind. Naheliegende Fragen an die zuständige Verwaltung wären deshalb:
- Wird der Netzdruck in den unterschiedlichen Versorgungszonen während des Trinkwassernotstands engmaschig überwacht?
- Erfolgt in besonders druckempfindlichen oder randständigen Netzbereichen eine zusätzliche mikrobiologische Beprobung, solange die Ausnahmesituation andauert?
- Gibt es dokumentierte Fälle von Druckschwankungen, die eine erhöhte Rücksaugegefahr nahelegen könnten?