Gartenwasser ist nicht einfach weg 5/6

Wer mit Trinkwasser seinen Garten bewässert, entnimmt Wasser aus dem öffentlichen Trinkwassernetz. Für den Wasserversorger ist die Sache zunächst eindeutig: Dieses Wasser steht in diesem Moment nicht mehr für andere Verbraucher, Hochbehälter oder weitere Entnahmen zur Verfügung. Doch danach nimmt Gartenwasser einen anderen Weg als Dusch-, Wasch- oder Toilettenwasser. Es fließt normalerweise nicht in die Schmutzwasserkanalisation. Ein Teil verdunstet. Ein Teil wird von Pflanzen aufgenommen. Ein Teil bleibt als Bodenfeuchte gespeichert. Und ein Teil kann tiefer in den Boden versickern.

Deshalb ist die Aussage „Das Wasser ist verbraucht“ aus Sicht des natürlichen Wasserkreislaufs zu einfach.

Entnahme ist nicht Verbrauch

Beim Wassersparen werden unterschiedliche Vorgänge häufig unter einem einzigen Begriff zusammengefasst. Dabei sollte man mindestens unterscheiden zwischen:

Entnahme aus dem Trinkwassernetz und Verbleib des Wassers nach der Nutzung.

  • Wer 100 Liter Trinkwasser zum Duschen verwendet, entnimmt 100 Liter aus dem Versorgungsnetz. Der größte Teil davon gelangt anschließend als Abwasser in die Kanalisation.
  • Wer dieselben 100 Liter für den Garten verwendet, entnimmt ebenfalls 100 Liter aus dem Trinkwassernetz.

Danach beginnt aber ein anderer Wasserweg. Die Literzahl ist dieselbe. Die Wirkung im Gesamtsystem ist es nicht.

Was passiert beim Gießen?

Wasser, das auf Boden und Pflanzen gelangt, kann verschiedene Wege nehmen.

Ein Teil verdunstet direkt von Boden- und Pflanzenoberflächen. Pflanzen nehmen Wasser über ihre Wurzeln auf und geben einen großen Teil davon später über ihre Blätter wieder an die Atmosphäre ab. Ein weiterer Teil bleibt zunächst im Boden gespeichert. Und Wasser kann tiefer versickern.

Das Umweltbundesamt beschreibt Versickerung und Verdunstung ausdrücklich als wichtige Bestandteile eines natürlichen beziehungsweise naturnahen Wasserhaushalts. Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung soll Wasser möglichst vor Ort zurückhalten, verdunsten oder versickern lassen. (Umweltbundesamt)

Wird daraus Grundwasser?

Hier muss man vorsichtig sein. Es wäre falsch zu behaupten:

Alles Gartenwasser gelangt irgendwann ins Grundwasser. Das tut es nicht. Besonders im Sommer ist die Verdunstung hoch. Pflanzen benötigen Wasser für ihre Stoffwechselprozesse und geben es durch Transpiration wieder an die Atmosphäre ab. Ob Wasser tatsächlich bis in grundwasserführende Schichten gelangt, hängt unter anderem von Bodenart, Bodentiefe, Vegetation, Witterung, Grundwasserabstand und der zugeführten Wassermenge ab. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass die Grundwasserneubildung insbesondere durch Niederschlag, oberirdischen Abfluss und Verdunstung bestimmt wird. (Umweltbundesamt) Versickerung kann zur Grundwasserneubildung beitragen, aber Versickerung an der Oberfläche ist nicht automatisch Grundwasserneubildung.

Das ist für eine korrekte Darstellung wichtig.

Wasser bleibt vor Ort

Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied zur Kanalisation. Wasser, das auf einer unversiegelten Gartenfläche verwendet wird, bleibt zunächst im lokalen Boden-Pflanzen-Atmosphäre-System. Das Umweltbundesamt verfolgt bei der Regenwasserbewirtschaftung genau dieses Prinzip: Wasser soll möglichst dort zurückgehalten werden, wo es anfällt, statt schnell über die Kanalisation abgeführt zu werden. Versickerung kann dabei die Grundwasserneubildung erhöhen. (Umweltbundesamt) Damit ist Gartenwasser aus Sicht des lokalen Wasserhaushalts anders zu bewerten als Wasser, das unmittelbar in einen Abwasserkanal geleitet wird.

Verdunstung ist nicht „weg“

Auch verdunstetes Wasser verschwindet natürlich nicht. Es gelangt in die Atmosphäre und bleibt Bestandteil des Wasserkreislaufs. Aus Sicht der örtlichen Wasserverfügbarkeit ist dieser Unterschied trotzdem wichtig. Wasser, das verdunstet, steht dem Boden und möglicherweise dem örtlichen Grundwasser zunächst nicht mehr zur Verfügung. Deshalb kann man nicht argumentieren:

„Es verdunstet ja nur, also ist Gartenbewässerung immer unproblematisch.“

Gerade in heißen Trockenperioden steigen Verdunstung und Wasserbedarf der Vegetation, während die Grundwasserneubildung besonders gering sein kann. Das UBA weist darauf hin, dass hohe sommerliche Verdunstung zur verminderten Grundwasserneubildung beiträgt. (Umweltbundesamt)

Warum trotzdem weniger gießen?

Damit kommen wir zum eigentlichen Grund für Einschränkungen der Gartenbewässerung. Das Problem ist häufig nicht, dass Gartenwasser grundsätzlich „verschwendet“ wäre. Das Problem ist der Zeitpunkt der Entnahme. An heißen Sommertagen möchten sehr viele Menschen gleichzeitig ihre Gärten bewässern. Dadurch entstehen hohe Verbrauchsspitzen. Ein Wasserversorgungssystem muss aber nicht nur über genügend Wasserressourcen verfügen. Brunnen, Pumpen, Aufbereitung, Speicherbehälter und Leitungsnetz müssen die benötigte Wassermenge auch zur richtigen Zeit bereitstellen können. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass es regional insbesondere in sehr trockenen Sommern zu Versorgungsengpässen kommen kann und empfiehlt deshalb, für Außenanlagen möglichst Regenwasser statt Trinkwasser zu verwenden. (Umweltbundesamt)

Der kritische Punkt ist also: Gartenbewässerung kann die Trinkwasserversorgung genau dann stark belasten, wenn besonders viele Menschen gleichzeitig Wasser benötigen.

Das Problem ist die Spitze

Damit wird deutlich, warum die Aussage „Wir haben genug Grundwasser“ allein noch nichts darüber aussagt, ob an einem heißen Sommerabend beliebig viel Trinkwasser entnommen werden kann.
Eine Wasserversorgung hat technische Grenzen.

  • Ein Hochbehälter kann nur eine bestimmte Menge speichern.
  • Eine Pumpe fördert nur eine bestimmte Menge pro Stunde.
  • Eine Aufbereitungsanlage besitzt eine bestimmte Leistung.
  • Und Leitungen können nur bestimmte Volumenströme transportieren.

Deshalb können Kommunen Gartenbewässerung einschränken, obwohl grundsätzlich noch Wasserressourcen vorhanden sind. Es kann darum gehen, Spitzenlasten zu reduzieren. Das ist eine wesentlich präzisere Botschaft als: „Wir müssen Wasser sparen.“

Wann sollte gegossen werden?

Das UBA empfiehlt, Gärten möglichst nachts beziehungsweise in den Morgen- oder Abendstunden zu bewässern. Außerdem soll möglichst bodennah gegossen werden. Besser sei es, seltener und dafür gründlicher zu wässern als täglich geringe Mengen aufzubringen. (Umweltbundesamt) Damit werden unnötige Verdunstungsverluste reduziert.

Und noch wichtiger: Das Umweltbundesamt empfiehlt ausdrücklich, für die Gartenbewässerung gesammeltes Regenwasser einzusetzen. (Umweltbundesamt) Damit lässt sich der Garten bewässern, ohne in diesem Moment zusätzlich das Trinkwassernetz zu belasten.

Regenwasser ist der bessere Weg

Hier zeigt sich eine sinnvolle Form des Wassersparens. Wenn Regenwasser vom Dach in einer Tonne oder Zisterne gesammelt und später zur Gartenbewässerung genutzt wird, wird weniger aufbereitetes Trinkwasser benötigt. Gleichzeitig bleibt das Wasser lokal nutzbar.

Das UBA empfiehlt ausdrücklich, Regenwasser für Garten- und Balkonpflanzen zu verwenden und Wasser möglichst an Ort und Stelle versickern zu lassen. (Umweltbundesamt) Das ist etwas völlig anderes als einen Garten einfach vertrocknen zu lassen.

Die Frage lautet nicht nur: Wie wenig Wasser verwenden wir? Sondern: Welches Wasser verwenden wir wofür?

Grünflächen brauchen Wasser

Auch das gehört zur ehrlichen Betrachtung. Vegetation ist nicht nutzloser Wasserverbrauch. Bäume, Sträucher, Rasenflächen und andere Pflanzen beeinflussen das Mikroklima. Über Verdunstung können sie ihre Umgebung kühlen. Böden speichern Wasser, und unversiegelte Flächen ermöglichen Versickerung. Das UBA setzt deshalb bei klimaangepassten Städten gerade auf mehr Wasserrückhalt, Verdunstung und Versickerung – das Prinzip der sogenannten Schwammstadt. (Umweltbundesamt) Damit wäre es ebenfalls zu einfach zu sagen: „Grünflächen nicht bewässern, dann sparen wir Wasser.“ Bei dauerhaft austrocknenden Stadtbäumen und Böden entstehen andere ökologische Probleme.

Nicht alles Grün ist gleich

Natürlich gibt es auch hier Unterschiede. Ein alter Baum hat eine andere ökologische Bedeutung als ein sattgrüner Zierrasen.

Junge Bäume, frisch angelegte Pflanzen oder empfindliche Kulturen benötigen unter Umständen Wasser, um nicht dauerhaft geschädigt zu werden. Ein Zierrasen kann dagegen vorübergehend braun werden und sich später häufig wieder erholen. Eine differenzierte Wassersparstrategie müsste deshalb auch berücksichtigen, was bewässert wird. Nicht jede Gartenbewässerung ist gleich notwendig.

Der falsche Vergleich

Damit wird auch ein häufiger Vergleich problematisch: „Wer seinen Garten gießt, verschwendet Trinkwasser.“ Das kann in einer akuten Versorgungslage als Kritik an der Trinkwasserentnahme berechtigt sein. Als Aussage über den gesamten Wasserkreislauf ist sie aber zu pauschal.

Treffender wäre: Die Bewässerung mit Trinkwasser kann in Trockenperioden die öffentliche Wasserversorgung erheblich belasten. Deshalb sollte möglichst Regenwasser genutzt und Trinkwasser gezielt und effizient eingesetzt werden.

Das sagt dasselbe Problem aus, ohne so zu tun, als verschwinde das Wasser nach dem Gießen einfach aus der Welt.

Ein Liter ist nicht gleich ein Liter

Damit können wir die bisherigen Teile dieser Serie miteinander verbinden.

  • Ein Liter beim Duschen:
    wird dem Trinkwassernetz entnommen und gelangt anschließend überwiegend in die Kanalisation.
  • Ein Liter bei der Toilettenspülung:
    wird dem Trinkwassernetz entnommen und trägt anschließend zum Abwassertransport bei.
  • Ein Liter Gartenwasser:
    wird ebenfalls dem Trinkwassernetz entnommen, gelangt aber in Boden, Pflanzen und Atmosphäre und möglicherweise teilweise in tiefere Bodenschichten.
  • Ein Liter bei einer Netzspülung:
    wird gezielt eingesetzt, um die Trinkwasserinfrastruktur sicher zu betreiben.

Damit wird deutlich: Die reine Literzahl reicht nicht aus, um die Sinnhaftigkeit einer Wassernutzung zu bewerten. Man muss wissen, woher das Wasser kommt, wofür es eingesetzt wird, wann es entnommen wird und wohin es anschließend gelangt.

Fazit

Gartenbewässerung ist kein einfacher Fall von „Wasser verbraucht und weg“.

Wasser kann verdunsten, von Pflanzen aufgenommen, im Boden gespeichert oder teilweise tiefer versickern. Versickerung kann zur Grundwasserneubildung beitragen, ist aber nicht mit ihr gleichzusetzen. (Umweltbundesamt) Trotzdem kann Gartenbewässerung mit Trinkwasser in heißen Trockenperioden problematisch sein. Nicht unbedingt, weil jeder verwendete Liter für den Wasserkreislauf verloren wäre.

Sondern weil große gleichzeitige Entnahmen das Trinkwassersystem genau dann belasten, wenn seine Reserven und technischen Kapazitäten besonders gefordert sind. (Umweltbundesamt)

Die sinnvollere Botschaft lautet deshalb: Regenwasser nutzen, Trinkwasser gezielt einsetzen und unnötige Spitzen vermeiden. Das ist wesentlich genauer als der pauschale Satz: „Garten nicht gießen – Wasser sparen.“

Quellen

Umweltbundesamt: Tipps für eine nachhaltige Regenwassernutzung – Nutzung von Regenwasser für Gartenpflanzen und Versickerung vor Ort. (Umweltbundesamt)

Umweltbundesamt: Wassersparende Außenanlagen – zum Einsatz von Regenwasser und möglichen regionalen Versorgungsengpässen in trockenen Sommern. (Umweltbundesamt)

Umweltbundesamt: Regenwasserbewirtschaftung – zu Verdunstung, Versickerung und dezentralem Wasserrückhalt. (Umweltbundesamt)

Umweltbundesamt: Wassersparen im Alltag – praktische Empfehlungen zur Gartenbewässerung. (Umweltbundesamt)

Umweltbundesamt: Grundwasserstand und Quellschüttung – zum Einfluss von Niederschlag, Verdunstung und Abfluss auf die Grundwasserneubildung. (Umweltbundesamt)


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