Warum auch Abwasser fließen muss 3/6

Wasser sparen bedeutet meist: weniger Trinkwasser entnehmen.

Doch bei vielen Nutzungen entsteht dadurch gleichzeitig weniger Abwasser. Wer kürzer duscht, weniger Wasser für die Toilettenspülung nutzt oder wassersparende Geräte verwendet, schickt auch weniger Wasser in die Kanalisation.

Das klingt zunächst nur positiv. Doch Abwasser muss transportiert werden. Und dafür braucht die bestehende Kanalisation ausreichende Fließbedingungen.

Das Umweltbundesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass sich in Abwassernetzen mancherorts Faulgase bilden, wenn zu wenig Wasser durch die Leitungen fließt.

Wasser als Transportmittel

Abwasser besteht nicht nur aus Wasser.

Mit ihm gelangen unter anderem Fäkalien, Toilettenpapier, Fette und andere organische Stoffe in die Kanalisation. Das Wasser sorgt dafür, dass diese Stoffe weitertransportiert werden.

Das Umweltbundesamt bezeichnet Schmutzwasser als Wasser aus Haushalten sowie gewerblichen und industriellen Betrieben, das in die Kanalisation eingeleitet wird.

Sinkt die Wassermenge, kann sich auch die Transportwirkung verändern.

Das bedeutet nicht, dass jede Verbrauchsreduzierung sofort Kanalprobleme verursacht. Entscheidend sind unter anderem Gefälle, Rohrdimensionierung, Netzstruktur und die tatsächlich anfallende Abwassermenge.

Wenn Abwasser länger bleibt

Fließt Abwasser nur langsam, können Feststoffe und organische Bestandteile länger im Kanal verbleiben.

Unter ungünstigen Bedingungen beginnen dort anaerobe Abbauprozesse. Mikroorganismen zersetzen organisches Material unter Sauerstoffmangel.

Dabei können Faulgase entstehen.

Das UBA stellt den Zusammenhang zwischen geringer Wassermenge und Faulgasbildung ausdrücklich her.

Was sind Faulgase?

Faulgase sind ein Gemisch verschiedener Gase, die bei anaeroben Zersetzungsprozessen entstehen können.

Besonders problematisch kann Schwefelwasserstoff, H₂S, sein.

Schon der typische Geruch nach faulen Eiern macht ihn auffällig. Das eigentliche Problem geht aber weit über Geruchsbelästigung hinaus.

Schwefelwasserstoff kann in höheren Konzentrationen gesundheitsschädlich beziehungsweise toxisch sein.

In geschlossenen Bereichen wie Schächten, Pumpwerken oder Kanälen kann das insbesondere für Beschäftigte gefährlich werden.

Auch Beton kann leiden

Schwefelwasserstoff kann außerdem indirekt zur Korrosion der Kanalisation beitragen.

An feuchten Oberflächen können Mikroorganismen Schwefelverbindungen umwandeln. Dabei kann Schwefelsäure entstehen.

Diese greift insbesondere Beton an.

Aus einem Problem des Abwassertransports kann damit langfristig ein Infrastrukturproblem werden:

weniger Durchfluss → längere Aufenthaltszeiten → Faulprozesse → Schwefelverbindungen → mögliche Korrosion.

Das bedeutet nicht, dass Wassersparen automatisch Betonkanäle zerstört. Diese vereinfachte Aussage wäre falsch.

Aber niedrige Abwassermengen können unter ungünstigen Bedingungen einen bereits bestehenden betrieblichen Konflikt verschärfen.

Dann muss gespült werden

Wenn der natürliche Abwasserstrom nicht ausreicht, können Betreiber gezielt Kanalabschnitte spülen.

Und damit entsteht wieder derselbe scheinbare Widerspruch wie beim Trinkwassernetz:

Der Verbraucher soll Wasser sparen.

Gleichzeitig muss möglicherweise Wasser eingesetzt werden, um die Kanalisation funktionsfähig zu halten.

Das Umweltbundesamt spricht diesen Zielkonflikt ausdrücklich an und sagt gleichzeitig klar: Haushalte sollen deshalb nicht absichtlich mehr Wasser verbrauchen. Betreiber können besser entscheiden, wann eine gezielte Spülung erforderlich ist.

Spülen ist gezielter

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Würde man 10.000 Menschen auffordern, täglich jeweils zusätzliche zehn Liter Wasser zu verbrauchen, wären das bereits 100.000 Liter beziehungsweise 100 Kubikmeter zusätzlich.

Trotzdem wäre nicht garantiert, dass genau der problematische Kanalabschnitt ausreichend durchströmt würde.

Eine gezielte Spülung kann dagegen dort stattfinden, wo tatsächlich Bedarf besteht.

Das macht sie technisch sinnvoller als einen undefinierten Mehrverbrauch durch die Bevölkerung.

Trotzdem wird Wasser gebraucht

Damit verschwindet der Zielkonflikt allerdings nicht.

Auch eine notwendige Spülung braucht Wasser.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Warum sollen Verbraucher sparen, wenn anschließend gespült wird?

Sondern:

Wie lässt sich mit möglichst wenig Wasser ein sicherer Netzbetrieb gewährleisten?

Das UBA nennt deshalb neben gezielten Spülungen auch eine langfristige Konsequenz: Die Netze müssen gegebenenfalls an die veränderten Wassermengen angepasst werden.

Das Netz altert nicht mit

Wassersparende Toiletten, Waschmaschinen und Armaturen können innerhalb weniger Jahre den Verbrauch verändern.

Eine Kanalisation verändert ihre Dimension dagegen nicht.

Das Rohr bleibt genauso groß.

Das Gefälle bleibt gleich.

Die Leitungslänge bleibt gleich.

Sinkt die Abwassermenge dauerhaft, kann deshalb irgendwann die Frage entstehen, ob die bestehende Infrastruktur überhaupt noch zu den tatsächlichen Mengen passt.

Genau deshalb ist Wassersparen auch eine Infrastrukturfrage.

Nicht jedes Sparen wirkt gleich

Besonders interessant ist die Frage, wo Wasser eingespart wird.

Wer weniger duscht, reduziert:

  • die Trinkwasserentnahme,
  • und gleichzeitig den Abwasserstrom.

Wer dagegen auf eine Gartenbewässerung mit Trinkwasser verzichtet, reduziert zwar ebenfalls die Trinkwasserentnahme.

Dieses Wasser wäre aber ohnehin nicht oder nur teilweise in die Schmutzwasserkanalisation gelangt.

Deshalb sind 100 Liter eingespartes Duschwasser infrastrukturell nicht dasselbe wie 100 Liter eingespartes Gartenwasser.

Die Literzahl allein sagt noch nicht, welche Folgen die Einsparung im Gesamtsystem hat.

Auch Ratten gehören dazu

Eine Kanalisation ist außerdem kein steriles Rohrsystem.

In ausreichend großen Kanälen können Ratten leben. Gerade dort, wo sich Ablagerungen, organische Stoffe und zugängliche trockene Bereiche befinden, finden sie Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten.

Bei geringen Fließgeschwindigkeiten können auch Toilettenpapier, Fäkalien und andere Feststoffe sichtbarer liegen bleiben oder sich an Ablagerungen festsetzen.

Das heißt nicht, dass jeder langsam fließende Kanal automatisch voller Ratten und Fäkalien ist.

Aber es macht anschaulich, wozu das Wasser im Kanal gebraucht wird:

Es transportiert nicht nur Flüssigkeit. Es muss auch Feststoffe mitnehmen.

Was bedeutet das fürs Sparen?

Aus Sicht des Verbrauchers lautet die einfache Botschaft:

weniger Wasser = weniger Verbrauch.

Aus Sicht des Kanalsystems ist die Rechnung komplizierter:

weniger Wasser = weniger Transportmedium.

Beide Sichtweisen sind richtig.

Deshalb ist auch hier der pauschale Satz

„Je weniger Wasser, desto besser“

zu einfach.

Die vernünftigere Aussage lautet:

Vermeidbaren Wasserverbrauch reduzieren – aber die Infrastruktur so betreiben und anpassen, dass sie mit diesen geringeren Wassermengen funktioniert.

Fazit

Wassersparen endet nicht am Wasserhahn.

Weniger Trinkwasser bedeutet bei vielen Anwendungen gleichzeitig weniger Abwasser.

Das Umweltbundesamt bestätigt, dass dadurch örtlich Faulgase in Abwassernetzen entstehen können und dass gezielte Spülungen oder langfristige Anpassungen der Netze erforderlich werden können.

Die Lösung lautet deshalb nicht, dass Haushalte absichtlich mehr Wasser verbrauchen sollen.

Aber ebenso wenig reicht es, immer nur niedrigere Verbrauchszahlen zu fordern.

Wenn der Wasserverbrauch dauerhaft sinkt, muss auch die Infrastruktur dazu passen.

Quellen

Umweltbundesamt: Wassersparen und Wassereffizienz – aktualisiert am 19. März 2026; Hinweise zu Faulgasen, gezielten Spülungen und Netzanpassungen.

Umweltbundesamt: Wassersparen – sinnvoll, ausgereizt oder übertrieben? – beschreibt den Zusammenhang zwischen geringer Wassernutzung und Problemen im Abwassernetz.

Umweltbundesamt: Öffentliche Abwasserentsorgung – Grundlagen zu Schmutzwasser und öffentlicher Kanalisation.

Textauszug

Weniger Trinkwasser bedeutet bei vielen Nutzungen auch weniger Abwasser. Doch Kanalisationen brauchen ausreichenden Durchfluss. Warum geringe Wassermengen Faulgase, Ablagerungen und zusätzliche Spülungen begünstigen können.

Schlagwörter

Wassersparen, Abwasser, Kanalisation, Abwassernetz, Faulgase, Schwefelwasserstoff, H2S, Kanalspülung, Wasserverbrauch, Infrastruktur, Abwasserentsorgung, Ratten, Toilettenpapier, Ablagerungen

Yorum yapın