„Bitte Wasser sparen.“ Mehr braucht es oft nicht. Kommunen und Wasserversorger appellieren bei anhaltender Trockenheit an die Bevölkerung, den Verbrauch zu reduzieren. Der Garten soll weniger bewässert, das Auto nicht gewaschen und auf die Poolbefüllung möglichst verzichtet werden.
Die Aufforderung ist verständlich. Trotzdem bleibt sie unvollständig. Denn der Verbraucher erfährt meist nur, dass er weniger Wasser verwenden soll. Er erfährt nicht, dass Wassersparen unterschiedliche Auswirkungen hat – auf die Ressource, das Trinkwassernetz, die Kanalisation und sogar auf die Trinkwasserqualität in der eigenen Wohnung.
Dabei wäre eine differenziertere Botschaft durchaus möglich, ohne aus jedem Wassersparaufruf einen technischen Vortrag zu machen.
Warum Sparaufrufe zu kurz greifen
Schon der Begriff „Wasser sparen“ ist unscharf. Geht es darum, Grundwasser zu schützen? Einen leerlaufenden Hochbehälter zu verhindern? Verbrauchsspitzen am Abend zu reduzieren? Reicht die Förderkapazität der Brunnen nicht aus? Oder soll grundsätzlich weniger Trinkwasser aufbereitet und verteilt werden?
Für den Verbraucher ist dieser Unterschied wichtig. Wer weiß, welches Problem gerade gelöst werden soll, kann sein Verhalten gezielter anpassen. In einer akuten Versorgungssituation kann beispielsweise die gleichzeitige Gartenbewässerung vieler Haushalte entscheidend sein. Dann wäre die präzisere Information nicht nur „Wasser sparen“, sondern etwa: „Bitte vermeiden Sie heute Abend größere Trinkwasserentnahmen für Gartenbewässerung, Poolbefüllung und Autowäsche, damit die Speicher wieder aufgefüllt werden können.“
Damit würde der Verbraucher verstehen, was sein Verhalten bewirken soll.
Die bisherigen Teile dieser Serie haben außerdem gezeigt, warum die reine Literzahl nicht ausreicht. Trinkwasser, das beim Duschen verwendet wird, gelangt anschließend überwiegend als Abwasser in die Kanalisation. Wasser für die Gartenbewässerung gelangt dagegen in Boden, Pflanzen und Atmosphäre; ein Teil kann versickern. Eine Netzspülung wiederum verwendet Trinkwasser gezielt für den Betrieb des Versorgungssystems.
Das bedeutet nicht, dass einer dieser Liter grundsätzlich „gut“ oder „schlecht“ ist. Es bedeutet lediglich, dass Wasser je nach Verwendung unterschiedliche Funktionen und anschließend unterschiedliche Wege hat. Gerade deshalb sollte Verbraucherkommunikation nicht den Eindruck erwecken, jeder nicht entnommene Liter sei unabhängig von Ort, Zeitpunkt und Verwendungszweck gleichermaßen wertvoll.
Wo Sparen sinnvoll ist
Sinnvoll ist es, vermeidbare Entnahmen zu reduzieren – besonders dort, wo hohe Spitzen entstehen. Dazu gehören je nach örtlicher Lage beispielsweise Gartenbewässerung mit Trinkwasser, Poolbefüllung, Autowäsche oder andere größere Entnahmen, die zeitlich verschoben oder ganz vermieden werden können.
Auch im Haushalt kann selbstverständlich Wasser gespart werden: beim Zähneputzen, bei unnötig langen Duschen oder durch sparsame Geräte. Problematisch wird es erst dann, wenn aus „unnötigen Verbrauch vermeiden“ die Botschaft wird: „Durch jede Leitung soll möglichst wenig Wasser fließen.“
Denn Trinkwasserinstallationen brauchen regelmäßigen Wasseraustausch.
Hygiene darf nicht fehlen
Das Umweltbundesamt empfiehlt ausdrücklich, Trinkwasser, das länger als vier Stunden in der Installation gestanden hat, nicht zur Zubereitung von Speisen und Getränken zu verwenden. Stagnationswasser soll ablaufen, bis frisches, merklich kühleres Wasser nachkommt. (umweltbundesamt.de)
Auch der DVGW weist darauf hin, dass Trinkwasser nur begrenzte Zeit in der Trinkwasserinstallation zum Stillstand kommen sollte und alle Teile der Installation regelmäßig genutzt werden müssen. (dvgw.de)
Selbst beim Einsatz wassersparender Armaturen nennt das Umweltbundesamt eine wichtige Grenze: Es darf dadurch nicht zu Stagnation in der Trinkwasserinstallation kommen. (umweltbundesamt.de)
Genau diese Information gehört in einen guten Wassersparaufruf. Denn woher soll ein Verbraucher wissen, dass er beim Zähneputzen selbstverständlich den Hahn schließen kann, nach zwei Wochen Urlaub aber trotzdem Wasser ablaufen lassen sollte? Wer die eine Empfehlung ständig hört und die andere nie, kann sie nicht gegeneinander abwägen.
Eine sachgerechte Botschaft müsste deshalb sinngemäß lauten:
Vermeiden Sie unnötigen Wasserverbrauch – aber sorgen Sie weiterhin für den notwendigen Wasseraustausch in Ihrer Hausinstallation.
Infrastruktur gehört dazu
Auch außerhalb des Hauses endet die Sache nicht. Geringere Entnahmen können die Aufenthaltszeit des Trinkwassers in Teilen des Verteilungsnetzes erhöhen. Betreiber können deshalb gezielte Netzspülungen benötigen.
Das ist kein Argument dafür, dass Verbraucher absichtlich mehr Wasser verbrauchen sollen. Eine gezielte Spülung ist sinnvoller, weil der Betreiber weiß, welcher Leitungsabschnitt tatsächlich gespült werden muss. Der DVGW beschäftigt sich ausdrücklich mit solchen Spülstrategien. (dvgw.de)
Trotzdem bleibt ein struktureller Zielkonflikt: Wenn dauerhaft geringere Verbraucherentnahmen politisch und ökologisch gewünscht sind, muss langfristig auch geprüft werden, ob das bestehende Trinkwassernetz noch zu diesen Verbrauchsmengen passt.
Dasselbe gilt für die Kanalisation. Weniger Dusch-, Wasch- und Toilettenwasser bedeutet weniger Abwasser und damit weniger Transportwasser für Feststoffe und organische Bestandteile. Bei ungünstigen hydraulischen Bedingungen können dadurch Ablagerungen, Faulprozesse und zusätzliche betriebliche Maßnahmen begünstigt werden.
Wassersparen ist deshalb keine Aufgabe, die allein beim Verbraucher abgeladen werden kann. Der Bürger kann seinen Verbrauch verändern. Die Infrastruktur muss mit dieser Veränderung umgehen können.
Was ein ehrlicher Aufruf sagen müsste
Eine gute Verbraucherinformation müsste gar nicht sehr lang sein. Sie müsste nur deutlich machen, warum gerade gespart werden soll, wo besonders gespart werden sollte und wo nicht auf Kosten der Hygiene gespart werden darf.
Ein Wassersparaufruf könnte zum Beispiel so formuliert werden:
„Bitte reduzieren Sie vermeidbare Trinkwasserentnahmen. Verzichten Sie insbesondere während der derzeitigen Versorgungsspitzen auf größere Mengen für Gartenbewässerung, Autowäsche und Poolbefüllung. Nutzen Sie Regenwasser, wo dies möglich ist. Schränken Sie jedoch den hygienisch notwendigen Wasseraustausch in Ihrer Hausinstallation nicht ein. Nach längerer Standzeit sollte Stagnationswasser weiterhin ablaufen, bis frisches, kühles Wasser nachkommt. Selten genutzte Zapfstellen müssen regelmäßig genutzt werden.“
Das ist länger als „Bitte Wasser sparen“. Aber es verhindert einen entscheidenden Irrtum:
Wassersparen bedeutet nicht, möglichst wenig Wasser durch jede Leitung fließen zu lassen.
Vielleicht liegt genau hier das Kommunikationsproblem. Vom Verbraucher wird verantwortungsbewusstes Verhalten erwartet, gleichzeitig werden ihm viele Zusammenhänge, die er dafür kennen müsste, kaum erklärt.
Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Planung, Ausführung und Betrieb der Hausinstallation entscheidend für die Trinkwasserqualität sind. Unnötig lange Rohrleitungen, tote Leitungsstränge, wenig genutzte Abschnitte und ungünstige Temperaturen können die Qualität verschlechtern. (umweltbundesamt.de)
Wer davon nie gehört hat, kann einen Wassersparaufruf nur nach seiner Alltagserfahrung interpretieren: Weniger Wasser laufen lassen ist gut. Erst mit zusätzlichem Wissen wird daraus: Unnötiges Wasser vermeiden, notwendigen Wasseraustausch erhalten.
Transparenz kann dabei durchaus irritieren. Menschen könnten fragen, warum sie Wasser sparen sollen, während der Versorger Leitungen spült. Sie könnten wissen wollen, warum Wasser nach dem Urlaub zunächst ablaufen soll oder warum Gartenbewässerung eingeschränkt wird, obwohl ein Teil des Wassers anschließend im Boden bleibt.
Diese Fragen sind aber kein Fehler der Kommunikation. Sie entstehen, weil Verbraucher beginnen, das System zu verstehen.
Fazit
Wassersparen ist sinnvoll. Aber eine verantwortungsvolle Kommunikation darf daraus nicht die einfache Gleichung machen:
Je weniger Wasser, desto besser.
Trinkwasser ist gleichzeitig Ressource, Lebensmittel, Transportmedium und Bestandteil einer technischen Infrastruktur. Es wird entnommen, gespeichert, verteilt, genutzt und anschließend auf unterschiedlichen Wegen weitergeführt.
Der Verbraucher kann seinen Teil dazu beitragen. Dazu muss er aber wissen, welcher Teil von ihm erwartet wird.
Die bessere Botschaft lautet deshalb:
Unnötigen Wasserverbrauch vermeiden. Verbrauchsspitzen reduzieren. Regenwasser sinnvoll nutzen. Aber den hygienisch notwendigen Wasseraustausch erhalten.
Oder noch kürzer:
Wasser sparen – dort, wo Sparen sinnvoll ist.
Quellen
Umweltbundesamt: Trinkwasser aus der Leitung – Empfehlung zum Umgang mit Stagnationswasser. (umweltbundesamt.de)
Umweltbundesamt: Trinkwasser verteilen – Bedeutung von Planung, Betrieb und wenig genutzten Leitungsabschnitten. (umweltbundesamt.de)
Umweltbundesamt: Bewusster Umgang mit Warmwasser – Wassersparen bei gleichzeitiger Vermeidung von Stagnation. (umweltbundesamt.de)
DVGW: Verbraucherinformationen Trinkwasser – regelmäßige Nutzung der Trinkwasserinstallation und Vermeidung längerer Stagnation. (dvgw.de)
DVGW: Spülstrategien in Trinkwassernetzen – gezielte Spülungen zur Sicherung des Netzbetriebs. (dvgw.de)