Erst zustimmen, dann informiert sein:
Manche Artikel zu Trinkwasserwarnungen lassen sich nicht öffnen, ohne vorher einer Cookie- oder Werbeeinwilligung zuzustimmen. Der Inhalt selbst ist kostenlos – der Zugang dazu ist es nicht ganz. Diese Konstruktion verdient eine eigene, genauere Betrachtung.
Eine bereits bekannte Kategorie, neu angewendet
In dieser Recherche wurde von Beginn an zwischen verschiedenen Zugänglichkeitsproblemen unterschieden: dem toten Link, dem inhaltlich ausgetauschten Artikel, der Zugriffssperre und der echten Bezahlschranke. Eine weitere, eigenständige Kategorie gehört ergänzt: die Consent-Wall. Der Inhalt ist frei zugänglich – vorausgesetzt, man akzeptiert zuvor Cookies und Werbeeinwilligungen, die über das für die reine Textanzeige technisch Nötige hinausgehen.
Warum das grundsätzlich kein Vorwurf ist
Eine Zeitung muss sich finanzieren, das ist unstrittig und legitim. Werbefinanzierte Inhalte gegen eine Cookie-Zustimmung anzubieten ist ein in der gesamten Medienlandschaft etabliertes, rechtlich zulässiges Modell. Der Einwand, der hier gemacht werden soll, richtet sich nicht gegen dieses Modell an sich.
Warum Trinkwasser trotzdem ein besonderer Fall ist
Der Einwand betrifft eine spezifischere Frage: Trinkwassersicherheit ist ein Thema, das die Allgemeinheit unmittelbar betrifft, unabhängig vom individuellen Interesse an Nachrichten im Allgemeinen. Eine Information darüber, ob das eigene Leitungswasser gerade abgekocht werden muss, ist keine gewöhnliche Nachricht unter vielen, sondern eine unmittelbar gesundheitsrelevante Mitteilung. Dass eine Zeitung diese Information aufgreift und redaktionell aufbereitet, ist wertvoll und verdient Finanzierung. Es ist aber nicht die originäre Aufgabe der Zeitung, diese Information überhaupt bereitzustellen – das ist gesetzlich die Aufgabe der zuständigen Behörde und des Wasserversorgers.
Die eigentliche Frage
Damit verschiebt sich der Fokus der Kritik: Nicht die Zeitung mit ihrer Cookie-Einwilligung ist das eigentliche Problem. Die eigentliche Frage lautet, wo Bürgerinnen und Bürger eine offizielle, direkt zugängliche Verlautbarung ohne jede Zwischenstation finden können – ohne Cookie-Zustimmung, ohne Werbeeinwilligung, ohne den Umweg über eine gewinnorientierte Redaktion. In vielen der in dieser Recherche untersuchten Fälle existiert eine solche direkt zugängliche behördliche oder versorgerseitige Quelle tatsächlich, wird aber von der berichtenden Presse weder verlinkt noch überhaupt erwähnt.
Was das bedeutet
Eine Cookie-Einwilligung vor einer Wassernachricht ist für sich genommen kein Skandal. Sie wird erst dann zu einem strukturellen Problem, wenn sie faktisch die einzige oder die naheliegendste Zugangsroute zu einer Information ist, die eigentlich unmittelbar und barrierefrei von einer Behörde kommen sollte. Das eigentliche Versäumnis liegt damit weniger bei der Zeitung, die sich finanzieren muss, als bei einem System, das seine primäre Informationsquelle – die zuständige Behörde selbst – nicht so sichtbar und auffindbar macht, dass eine kommerzielle Zwischenstation mit ihrer Cookie-Wand überhaupt nötig würde.