Keine Zusammenarbeit: Wasserversorger, Gesundheitsamt und Ärzte

Eine naheliegende Frage, die sich durch diese gesamte Recherche zieht: Wenn ein Gesundheitsamt weiß, dass ein bestimmtes Gebiet gerade von einer Trinkwasserkontamination betroffen ist, warum werden dann nicht die Hausärztinnen und Hausärzte in genau diesem Gebiet informiert, damit sie bei Patienten mit Magen-Darm-Symptomen gezielt nach der Wasserquelle fragen?

Der strukturelle Grund: Zwei getrennte Meldesysteme

Die Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz ist erregerspezifisch aufgebaut. Ärztinnen und Ärzte müssen eine festgelegte Liste bestimmter Krankheiten melden, Labore eine festgelegte Liste bestimmter Erregernachweise. Eine gewöhnliche, klinisch als „Magen-Darm-Virus“ eingeordnete Erkrankung löst in den allermeisten Fällen gar keine Meldepflicht aus, wenn kein spezifischer, meldepflichtiger Erreger labordiagnostisch nachgewiesen wird – und ein solcher Nachweis wird bei einer vermeintlich harmlosen Durchfallerkrankung selten überhaupt angefordert.

Das bedeutet: Es gibt kein Feld in einem ärztlichen Meldeformular für „möglicherweise durch Trinkwasser verursacht“. Der behandelnde Arzt hat schlicht kein strukturelles Werkzeug, um diesen Verdacht überhaupt zu dokumentieren, selbst wenn er ihn hegen würde.

Datenschutzrechtliche Trennung

Nach dem Infektionsschutzgesetz hat grundsätzlich nur das für den Wohnort einer Person zuständige Gesundheitsamt Zugriff auf deren konkrete Gesundheitsdaten. Diese Daten werden pseudonymisiert an Landesbehörden und das Robert Koch-Institut weitergegeben, ohne Personenbezug. Das schützt zu Recht die Privatsphäre der Betroffenen – bedeutet aber auch, dass selbst innerhalb eines Gesundheitsamts die Abteilung für Umwelthygiene, die eine Trinkwasserwarnung ausspricht, nicht automatisch auf die Falldaten der Abteilung für Infektionsschutz zugreift, die zeitgleich möglicherweise gehäufte Magen-Darm-Fälle aus demselben Gebiet registriert.

Ein aktuelles, positives Gegensignal

Es gibt allerdings ein derzeit laufendes Projekt, das genau in diese Richtung zielt: die bundesweite Digitalisierungsmaßnahme zur Schnittstellenharmonisierung und Austauschplattform Trinkwasserhygiene, an der alle sechzehn Bundesländer beteiligt sind. Ziel ist ein einheitlicher Datenstandard und eine zentrale Austauschplattform für alle Akteure im Bereich Untersuchung, Versorgung, Überwachung und Berichterstattung zum Thema Trinkwasser – inklusive eigens entwickeltem Datenschutzkonzept. Das zeigt: Die strukturelle Lücke ist zumindest auf Verwaltungsebene erkannt. Ob und wie weit ein solches System künftig auch die Verbindung zu individuellen Krankheitsdaten herstellen wird, bleibt abzuwarten.

Ein historisches Beispiel, das zeigt, wie teuer diese Lücke werden kann

Der bislang größte dokumentierte durch Trinkwasser verursachte Krankheitsausbruch in den USA ereignete sich 1993 in Milwaukee. Ein Parasit im Trinkwasser führte zu einer schweren Magen-Darm-Erkrankung bei geschätzt 400.000 Menschen, 4.000 Krankenhauseinweisungen und über 100 Todesfällen. Gesundheitsbehörden vermuteten zunächst eine Grippewelle – erst mit erheblicher Verzögerung wurde der tatsächliche Zusammenhang mit dem Trinkwasser erkannt. Genau dieses Muster, dass eine ungewöhnliche Häufung von Magen-Darm-Fällen zunächst als saisonale Erkrankung eingeordnet wird, statt als möglicher Hinweis auf eine gemeinsame Wasserquelle, ist kein amerikanisches Sonderphänomen, sondern eine strukturelle Schwachstelle, die sich aus der beschriebenen Trennung der Systeme ergibt.

Was das bedeutet

Die fehlende Zusammenarbeit zwischen Wasserversorgern, Gesundheitsämtern und behandelnden Ärztinnen und Ärzten ist kein Zeichen von Desinteresse einzelner Personen, sondern die Folge zweier historisch getrennt gewachsener Systeme: eines für Umwelthygiene, eines für Infektionsschutz. Beide folgen eigenen, in sich schlüssigen Regeln – die Verbindung zwischen ihnen wurde bislang nicht systematisch hergestellt. Solange sich das nicht ändert, bleibt die Frage, ob eine bestimmte Erkrankung mit einer bekannten Trinkwasserkontamination zusammenhängt, dem Zufall überlassen, statt aktiv untersucht zu werden.

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