Risiken durch Leerstand und Stagnation erkennen
Gefahren im Leitungsnetz älterer Bestandsgebäude
Wer ein in den 1950er-Jahren erbautes Gebäude betritt, steht im Keller oft vor einem
gewachsenen Dickicht aus nachträglich installierten Rohren, alten Heizungsverläufen und
verzweigten Strangführungen. Wenn sich in solchen Objekten die Nutzung verändert – etwa weil
einzelne Einheiten als Ferienwohnung leer stehen oder Teile des Hauses unbewohnt sind –, gerät
ein zentraler Aspekt der Gebäudegesundheit schnell ins Hintertreffen: die hygienische Sicherheit
des Trinkwassers.
Wasser ist ein Lebensmittel, das zwingend in Bewegung bleiben muss. Steht der Durchfluss über
Tage oder Wochen still, verändert sich die mikrobiologische Zusammensetzung im Leitungsnetz
drastisch.
Die Hauptherausforderungen bei unregelmäßiger Nutzung
- Stagnationswasser und Biofilmbildung
In ungenutzten Leitungsabschnitten kommt der Wasseraustausch vollständig zum Erliegen.
Das verbleibende Wasser erwärmt sich auf Raumtemperatur. Diese Bedingungen begünstigen
das Wachstum von Mikroorganismen wie Legionellen und Pseudomonaden. Durch
Druckschwankungen im Gesamtsystem können Keime aus ungenutzten Strängen in die aktiv
genutzten Leitungsabschnitte gelangen. - Bausubstanz und Rohrmaterialien aus früheren Jahrzehnten
Installationen aus den 1950er-Jahren enthalten häufig noch verzinkte Stahlrohre. Verbleibt
das Wasser über längere Zeit in diesen Rohren, begünstigt dies Korrosionsprozesse,
Metallauswaschungen und Lochfraß. Das Wasser nimmt einen braun-trüben Farbton an und
schmeckt metallisch. - Wärmeeintrag durch veraltete Rohrleitungssysteme
Unisolierte Warmwasser- oder Heizungsrohre, die direkt neben Kaltwasserleitungen
verlaufen, erwärmen das stehende Kaltwasser auf kritische Temperaturen zwischen 25 °C
und 40 °C. Dieser Temperaturbereich bietet Krankheitserregern ideale
Vermehrungsbedingungen.
Erste Fachmaßnahmen zur Beurteilung und Sicherung
Um die Trinkwasserqualität in verschachtelten Bestandsgebäuden verlässlich zu bewerten, sind
systematische Schritte erforderlich:
Leitungsverlauf kartieren: Vorhandene Stränge bis zu den jeweiligen Endverbrauchern
nachverfolgen und ungenutzte Sackgassen (Totleitungen) lokalisieren.
Physische Trennung ungenutzter Bereiche: Dauerhaft leerstehende Leitungsabschnitte
unmittelbar am Abzweig der Hauptleitung fachgerecht abtrennen oder absperren.
Temperaturkontrolle durchführen: Sicherstellen, dass Kaltwasser unter 20 °C bleibt und
Warmwassersysteme ausreichend hohe Temperaturen halten.
Gezielte Wasserproben entnehmen: Mikrobiologische Untersuchungen an relevanten
Übergabepunkten veranlassen, um Keimbelastungen frühzeitig aufzudecken.
Fazit
Ein funktionierendes Trinkwassernetz erfordert regelmäßigen Durchfluss an allen Zapfstellen. Bei
ungleichmäßiger Gebäudenutzung sichern nur klare bauliche Trennungen, automatisierte
Spülungen oder Rückbauten ungenutzter Rohre die Wasserqualität für alle Bewohner nachhaltig
ab.