Ein Verlängerungsmechanismus – und eine Spur zu TFA
Pestizide, Fungizide, Herbizide – wer versucht, den Überblick über die in Deutschland zugelassenen chemischen Mittel gegen Schädlinge, Pilze und Unkraut zu behalten, verliert ihn schnell. Zu Recht, wie sich zeigt: Die schiere Menge und die Art, wie Zulassungen verlängert werden, sind selbst Teil des Problems.
Die Zahlen
In Deutschland waren 2024 genau 1.112 Pflanzenschutzmittel mit 278 verschiedenen Wirkstoffen zugelassen. EU-weit sind es 453 genehmigte Wirkstoffe insgesamt. Verkauft wurden 2024 in Deutschland 87.022 Tonnen dieser Mittel – eine Menge, die sich kaum noch bildlich vorstellen lässt.
Der Verlängerungsmechanismus
Genehmigungen für Wirkstoffe gelten regulär 7 bis 15 Jahre. Danach muss neu beantragt werden, der Wirkstoff wird nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik erneut geprüft. So die Theorie.
In der Praxis kommt es laut Umweltbundesamt regelmäßig zu Verzögerungen in diesen Wiedergenehmigungsverfahren – mit der Folge, dass einige Wirkstoffe seit 20 Jahren oder länger ohne erneute Prüfung im Einsatz sind. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit führt dazu eine eigene, laufend aktualisierte Liste namens „Verlängerungen von Zulassungen“. Mittel, deren Zulassung durch Zeitablauf endete, werden darauf automatisch bis zur endgültigen Entscheidung über eine erneute Zulassung weitergeführt. Das ist kein Ausnahmefall, sondern ein ständig laufender Verwaltungsvorgang – die Liste wurde zuletzt am 21. Juli 2026 aktualisiert.
Die Spur zu TFA
Unter den vielen Wirkstoffen findet sich einer, der eine direkte Verbindung zu einem bereits bekannten Problem herstellt: Fluazifop-P, zugelassen unter anderem für Sommergerste, Hafer und Sommerweizen. Das Umweltbundesamt schreibt dazu ausdrücklich: Fluazifop-P bildet das persistente Abbauprodukt Trifluoracetat, kurz TFA – jene Chemikalie, die inzwischen weiträumig in Gewässern und im Trinkwasser gefunden wird und sich nicht mehr aus dem Wasser entfernen lässt.
Das ist keine abstrakte Verbindung mehr. Ein aktuell zugelassener, im Feld eingesetzter Wirkstoff hat einen konkret benannten Anteil an einer Chemikalie, die längst als bundesweites Problem gilt.
Das Monitoring hinkt hinterher – in beide Richtungen
Als wäre das nicht genug, räumt das Umweltbundesamt ein zusätzliches Problem ein: Viele der Stoffe, die die Bundesländer routinemäßig in Oberflächengewässern untersuchen, sind aktuell gar nicht mehr zugelassen. Umgekehrt werden viele der tatsächlich häufig verwendeten Stoffe gar nicht erst untersucht. Ein konkretes Beispiel sind Pyrethroide, für Wasserorganismen hochgiftig – die routinemäßig angewendeten Analysemethoden der Länder sind schlicht nicht empfindlich genug, um sie zuverlässig nachzuweisen.
Was daraus folgt
Am Ende ergibt sich ein Bild, das sich nahtlos in alles einfügt, was diese Recherche bereits gezeigt hat: Ein System mit enormer Stoffvielfalt, eingebauten Verlängerungsmechanismen für abgelaufene Zulassungen und einem Überwachungsnetz, das teils veraltete, längst irrelevante Stoffe misst, während die tatsächlich verwendeten unentdeckt bleiben. Wer angesichts von 278 Wirkstoffen den Überblick verliert, liegt damit erstaunlich nah an der Realität der zuständigen Behörden selbst.