In psychiatrischen Kliniken, Wohnheimen und anderen stationären Einrichtungen werden täglich Medikamente ausgegeben. Tabletten werden gestellt, Dosierungen kontrolliert, Wechselwirkungen beachtet und Einnahmen dokumentiert.
Doch eine scheinbar banale Frage wird dabei kaum gestellt:
Mit welchem Wasser werden diese Medikamente eigentlich eingenommen?
Das klingt zunächst nebensächlich. Ist es aber nicht unbedingt.
Wenn Trinkwasser längere Zeit in einer Gebäudeinstallation gestanden hat, kann es Stoffe aus Leitungen und Armaturen aufnehmen. Besonders relevant ist das bei Installationen, in denen Blei vorhanden ist oder andere bleihaltige Komponenten Blei an das Wasser abgeben können.
Für Menschen, die regelmäßig Medikamente erhalten, könnte daraus ein bislang wenig beachteter Expositionsweg entstehen.
Die erste Wasserportion kann problematisch sein
Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass im Stagnationswasser aus Bleileitungen der Bleigrenzwert häufig um ein Vielfaches überschritten werden kann. Auch kleine Teilstücke aus Blei können kritisch sein. Besonders in Kombination mit anderen metallischen Werkstoffen können durch galvanische Korrosion vergleichsweise hohe Bleigehalte entstehen.
Gerade deshalb ist die Aufenthaltszeit des Wassers in der Installation relevant.
Man stelle sich eine Station vor, auf der morgens Medikamente ausgegeben werden. Eine Zapfstelle wurde während der Nacht mehrere Stunden nicht benutzt. Das erste Glas Wasser wird gefüllt und einem Patienten zusammen mit seinen Tabletten gereicht.
Ist die Installation einwandfrei, ist das kein besonderes Problem.
Sind jedoch bleihaltige Leitungsabschnitte oder problematische Komponenten vorhanden, kann gerade diese erste Wasserportion stärker belastet sein.
Die Tablette verändert daran nichts.
Der Patient nimmt dann nicht etwa „Blei durch das Medikament“ auf. Er nimmt gleichzeitig sein Arzneimittel und eine möglicherweise vermeidbare Bleibelastung über das Trinkwasser auf.
Blei ist ein Nervengift
Blei ist kein Stoff, dessen gesundheitliche Bedeutung erst bei einer klassischen akuten Vergiftung beginnt.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet Blei als kumulatives Gift. Es verteilt sich unter anderem auf Gehirn, Leber, Nieren und Knochen und kann sich insbesondere in Knochen und Zähnen über lange Zeiträume anreichern. Die WHO stellt außerdem fest, dass kein Expositionsniveau bekannt ist, bei dem gesundheitsschädliche Wirkungen sicher ausgeschlossen werden können.
Das Schwermetall kann verschiedene Organsysteme beeinträchtigen, darunter das neurologische, kardiovaskuläre und renale System. Bei Erwachsenen werden langfristige Bleiexpositionen unter anderem mit erhöhtem Blutdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nierenschäden in Verbindung gebracht.
Gerade bei psychisch erkrankten Menschen ergibt sich daraus eine zusätzliche Frage.
Was wird der Grunderkrankung zugeschrieben?
Menschen in psychiatrischer Behandlung können bereits unter zahlreichen Beschwerden leiden. Hinzu kommen mögliche Nebenwirkungen ihrer Arzneimittel, Begleiterkrankungen, zunehmendes Alter oder kognitive Einschränkungen.
Was geschieht, wenn zusätzlich eine bislang nicht erkannte Schadstoffexposition besteht?
Neurologische oder kognitive Veränderungen könnten unter Umständen zunächst anderen Ursachen zugeschrieben werden.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass psychische Erkrankungen oder eine Verschlechterung psychiatrischer Symptome gewöhnlich durch Blei verursacht werden.
Eine solche Schlussfolgerung wäre wissenschaftlich nicht zulässig.
Aber ebenso wenig wäre es sinnvoll, eine mögliche Umweltbelastung allein deshalb auszuschließen, weil bereits eine psychiatrische Diagnose besteht.
Bei einem begründeten Verdacht auf Bleiexposition lässt sich die individuelle Belastung grundsätzlich über eine Blutuntersuchung erfassen. Die WHO nennt die Bleikonzentration im Blut als gebräuchliches Maß zur Beurteilung der menschlichen Exposition.
Besonders interessant ist die regelmäßige Einnahme
Ein einmaliges Glas belastetes Wasser ist etwas anderes als eine wiederkehrende Exposition.
In stationären Einrichtungen können Medikamente über Wochen, Monate oder sogar Jahre nach festen Abläufen ausgegeben werden.
Morgens.
Mittags.
Abends.
Vielleicht immer aus derselben Stationsküche oder aus demselben Waschbecken.
Gerade deshalb wäre interessant zu wissen:
Wird bei der Medikamentengabe überhaupt berücksichtigt, aus welcher Zapfstelle das Wasser stammt und wie lange es dort zuvor gestanden hat?
Dazu kommt die Gebäudestruktur. Psychiatrische Kliniken und andere soziale oder medizinische Einrichtungen befinden sich teilweise in jahrzehntealten Gebäuden mit entsprechend gewachsenen Trinkwasserinstallationen.
Das allein bedeutet natürlich nicht, dass dort Bleileitungen vorhanden sind.
Aber der Gebäudebestand macht die Frage nach Material, Umbauten, Teilstücken und tatsächlicher Trinkwasserinstallation durchaus relevant.
Seit Januar 2026 gelten klare Vorgaben für Bleileitungen
Die deutsche Trinkwasserverordnung schreibt vor, dass Trinkwasserleitungen und Teilstücke aus Blei grundsätzlich bis zum 12. Januar 2026 entfernt oder stillgelegt werden mussten. Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Gesundheitsamt eine Frist verlängern.
Seit dem 13. Januar 2026 bestehen zudem Informations- und Nachweispflichten, wenn entsprechende Bleileitungen bekannt sind beziehungsweise die gesetzlichen Voraussetzungen greifen.
Der aktuelle Grenzwert für Blei im Trinkwasser liegt bei 10 Mikrogramm pro Liter. Ab dem 12. Januar 2028 wird er auf 5 Mikrogramm pro Liter abgesenkt.
Damit hat der Gesetzgeber die Bedeutung dieses Schadstoffes noch einmal deutlich unterstrichen.
Aber damit ist eine andere Frage noch nicht beantwortet:
Wer kontrolliert bei der täglichen Versorgung besonders schutzbedürftiger Menschen die konkrete Verwendung des Wassers?
Eine einwandfreie Hausinstallation reicht nicht als abstrakte Aussage
Für die praktische Exposition eines Menschen ist nicht entscheidend, welche Wasserqualität das Versorgungsunternehmen ins Gebäude liefert.
Entscheidend ist auch, was am konkreten Wasserhahn ankommt.
Zwischen Hausanschluss und Trinkglas liegen möglicherweise viele Meter Gebäudeinstallation, Armaturen, wenig genutzte Leitungsabschnitte und unterschiedliche Stagnationszeiten.
Das Umweltbundesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass Werkstoffe und Materialien in Trinkwasserinstallationen Stoffe an das Wasser abgeben und dessen Qualität beeinflussen können.
Damit wird aus einer allgemeinen Frage zur Trinkwasserqualität eine sehr konkrete Frage:
Welche Qualität hat das Wasser genau in dem Moment, in dem es einem Patienten zum Schlucken seiner Medikamente gereicht wird?
Eine erstaunliche Forschungslücke
Bei der Sicherheit von Arzneimitteln wird verständlicherweise sehr genau hingesehen.
Welche Tablette erhält welcher Patient?
Ist die Dosierung richtig?
Gibt es Wechselwirkungen?
Wurde das Arzneimittel tatsächlich eingenommen?
Die Qualität des Wassers, mit dem dieses Medikament geschluckt wird, scheint dagegen kein vergleichbar etabliertes Forschungsthema zu sein.
Bei meiner Recherche konnte ich keine belastbare Untersuchung finden, die speziell danach fragt, ob psychiatrische Patienten Medikamente wiederkehrend mit bleihaltigem Stagnationswasser erhalten und welche gesundheitlichen Folgen daraus entstehen könnten.
Das ist wichtig präzise zu formulieren.
Die fehlende Studie beweist nicht, dass so etwas geschieht.
Sie beweist ebenso wenig, dass es nicht geschieht.
Sie zeigt zunächst nur: Die konkrete Verbindung zwischen Trinkwasserinstallation, Stagnationswasser und regelmäßiger Medikamentengabe scheint wissenschaftlich kaum untersucht zu sein.
Das Thema betrifft nicht nur die Psychiatrie
Eigentlich führt die Frage weit über psychiatrische Einrichtungen hinaus.
Sie betrifft überall dort Menschen, denen regelmäßig Medikamente mit Leitungswasser gereicht werden:
Pflegeheime, Krankenhäuser, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, betreute Wohnformen und möglicherweise auch ambulante Versorgungsstrukturen.
Gerade vulnerable Menschen können oftmals nicht selbst entscheiden, welches Wasser ihnen gereicht wird.
Sie öffnen nicht unbedingt selbst den Wasserhahn.
Sie lassen das Wasser nicht erst ablaufen.
Sie kennen die Installation nicht.
Und sie wissen möglicherweise überhaupt nicht, dass die Qualität des ersten Wassers nach längerer Stagnation von der Qualität des später nachströmenden Wassers abweichen kann.
Damit wird aus Trinkwasserhygiene eine Frage der Fürsorge.
Wer trägt diese Verantwortung?
Eine Einrichtung hat selbstverständlich nicht die Aufgabe, hinter jedem Glas Wasser eine toxikologische Untersuchung durchzuführen.
Aber bei regelmäßig verwendeten Zapfstellen ließen sich zumindest grundlegende Fragen stellen:
Ist bekannt, aus welchen Leitungsabschnitten die Zapfstelle versorgt wird?
Sind noch Bleileitungen oder Bleiteilstücke vorhanden beziehungsweise wurde deren Entfernung dokumentiert?
Wie häufig wird die Zapfstelle genutzt?
Gibt es längere Stagnationszeiten?
Wird morgens für die Medikamentengabe sofort das erste Wasser verwendet?
Wurden problematische Zapfstellen jemals fachgerecht untersucht?
Diese Fragen wären insbesondere dort sinnvoll, wo ältere Installationen, Umbauten oder unklare Leitungshistorien bestehen.
Ein Glas Wasser ist Teil der Versorgung
Bei Medikamentensicherheit denken wir an Wirkstoffe, Dosierungen und Wechselwirkungen.
Das Glas Wasser daneben erscheint nebensächlich.
Doch für den Patienten ist auch dieses Wasser Teil dessen, was er tatsächlich aufnimmt.
Blei kann über Installationen in Trinkwasser gelangen. Im Stagnationswasser aus Bleileitungen können besonders hohe Konzentrationen auftreten. Blei ist neurotoxisch, kann sich im Körper anreichern und verschiedene Organsysteme schädigen. All das ist wissenschaftlich gut belegt.
Nicht geklärt ist dagegen, welche Bedeutung dieser Expositionsweg bei der alltäglichen Medikamentengabe in stationären Einrichtungen tatsächlich hat.
Gerade deshalb wäre die Frage eine Untersuchung wert:
Mit welchem Wasser schlucken besonders schutzbedürftige Menschen jeden Tag ihre Medikamente – und hat das jemals jemand überprüft?