Ein Abkochgebot schützt – aber erst ab dem Moment, in dem bekannt ist, dass etwas nicht stimmt. Genau darin liegt eine Grenze der Trinkwasserüberwachung, über die kaum gesprochen wird.
Wenn eine Stadt oder ein Wasserversorger meldet, dass im Trinkwasser Bakterien nachgewiesen wurden, beginnt für die Bevölkerung die sichtbare Geschichte meist erst jetzt.
Doch die Verunreinigung beginnt nicht in dem Moment, in dem die Warnung veröffentlicht wird. Sie war vorher schon da.
Bevor gewarnt werden kann, muss erst etwas gefunden werden
Eine mikrobiologische Verunreinigung kann durch einen Rohrbruch, einen technischen Defekt, einen Eintrag von außen, Probleme bei der Aufbereitung oder Vorgänge im Leitungsnetz entstehen.
Erst danach kann sie entdeckt werden.
Der Ablauf ist immer ähnlich:
Verunreinigung → Probenahme → Laboruntersuchung → Bewertung → Maßnahmen → Warnung
Zwischen diesen Schritten vergeht Zeit. Das bedeutet nicht automatisch, dass Behörden oder Wasserversorger zu langsam handeln. Es bedeutet vielmehr:
Eine Warnung kann erst ausgesprochen werden, wenn ein Problem bekannt ist.
Sie ist immer reaktiv.
Regelmäßig untersucht heißt nicht permanent überwacht
Trinkwasser wird regelmäßig untersucht. Aber nicht jeder Liter Wasser wird rund um die Uhr mikrobiologisch kontrolliert. Untersucht werden einzelne Proben an bestimmten Stellen und zu bestimmten Zeitpunkten. Eine Probe ist deshalb immer eine Momentaufnahme.
Sie sagt etwas über das untersuchte Wasser zu diesem Zeitpunkt aus. Sie kann aber nicht garantieren, dass Stunden oder Tage später an derselben oder an einer anderen Stelle nichts passiert. Genau deshalb beruht Trinkwassersicherheit nicht nur auf Laborproben, sondern auch auf technischen Schutzmaßnahmen, Überwachung und Risikomanagement.
Auch „keimfrei“ ist der falsche Begriff
Trinkwasser muss nicht steril sein. Entscheidend ist, ob die gesetzlichen mikrobiologischen Anforderungen eingehalten werden und ob Hinweise auf eine gesundheitlich relevante Verunreinigung bestehen. Wenn eine Probe unauffällig ist, bedeutet das also nicht:
„Im gesamten Netz gibt es garantiert keine Mikroorganismen.“ Sondern nur: Die untersuchte Probe hat hinsichtlich der untersuchten Parameter keine Auffälligkeit gezeigt. Das ist ein großer Unterschied.
Wir suchen nicht nach jedem denkbaren Erreger
Bei der routinemäßigen Überwachung wird nicht ständig auf jeden theoretisch möglichen Krankheitserreger untersucht.
Stattdessen arbeitet man unter anderem mit sogenannten Indikatororganismen wie E. coli und Enterokokken. Ihr Nachweis kann auf bestimmte Verunreinigungen hinweisen.
Auch deshalb kann eine Untersuchung nie bedeuten, dass jedes denkbare mikrobiologische Risiko vollständig ausgeschlossen wurde.
Der blinde Zeitraum
Besonders wichtig ist die Zeit zwischen dem Entstehen einer Verunreinigung und ihrer Entdeckung.
In diesem Zeitraum kann Wasser bereits verwendet worden sein:
zum Trinken, Kochen, Zähneputzen, Duschen oder zur Zubereitung von Babynahrung.
Erst später folgt möglicherweise die Warnung:
„Wasser abkochen.“
Das Abkochgebot kann die weitere Exposition reduzieren.
Was davor geschehen ist, kann es nicht rückgängig machen.
„Unverzüglich gewarnt“ und trotzdem zu spät
Deshalb müssen zwei Fragen voneinander getrennt werden:
Wie schnell wurde reagiert, nachdem das Problem bekannt war?
und
Wie lange bestand das Problem möglicherweise schon, bevor es bekannt wurde?
Eine Behörde kann nach Bekanntwerden sehr schnell reagieren und trotzdem nicht wissen, wie lange die Belastung zuvor bestand. Das ist die Grenze eines Systems, das nicht jede Stelle des Wassernetzes rund um die Uhr mikrobiologisch überwacht.
Das bedeutet nicht, dass Trinkwasser grundsätzlich unsicher ist
Aus all dem folgt nicht, dass man Leitungswasser generell misstrauen müsste.
Trinkwassersicherheit beruht auf vielen Schutzstufen: Ressourcenschutz, Aufbereitung, technische Regeln, Netzkontrolle, Untersuchungen und Risikomanagement.
Aber man sollte aufhören, daraus absolute Sicherheit abzuleiten. Ein unauffälliger Befund ist eine gute Nachricht.
Eine Garantie für morgen ist er nicht.
Und genau deshalb stellt sich die nächste Frage:
Wie sicher kann unser Trinkwasser sein, wenn zwischen zwei Untersuchungen jederzeit etwas passieren kann?
Darum geht es in Teil 2.