Beim Thema Trinkwasserhygiene richtet sich der Blick meist auf die Hausinstallation hinter dem Wasserzähler. Doch das Problem stehenden Wassers macht an der Grundstücksgrenze nicht halt. Auch im kilometerlangen öffentlichen Verteilungsnetz der Stadtwerke und Wasserverbände existieren zahlreiche Totleitungen und stagnierende Netzabschnitte. Wenn die Infrastruktur unter dem Bürgersteig nicht kontinuierlich durchströmt wird, drohen Qualitätseinbußen bereits, bevor das Wasser überhaupt den Hausanschluss erreicht.
Wie Totstränge im öffentlichen Wassernetz entstehen
Öffentliche Rohrnetze sind auf Langlebigkeit und die Abdeckung von Spitzenlasten ausgelegt. Verändern sich die örtlichen Gegebenheiten, führt dies im Leitungsnetz rasch zu hydraulischen Problemen:
- Rückbau von Gewerbe und Industrie: Fällt ein Großabnehmer wie eine Fabrik oder eine Wäscherei weg, verbleiben unter den Straßen oft stark überdimensionierte Leitungsdurchmesser, durch die fortan viel zu wenig Wasser fließt.
- Sackgassen in Stichstraßen (Dead Ends): In Sackgassen oder an Siedlungsrändern enden Rohre häufig als Einzelschiene, anstatt als Ringleitung zurückgeführt zu werden. Am Ende dieses „blinden Arms“ steht das Wasser.
- Inaktive Hausanschlüsse nach Rückbau: Wird ein Gebäude abgerissen, aber der Anschluss nicht direkt am Hauptrohr unter der Straße gekappt, verbleibt eine metertiefe Totleitung im öffentlichen Grund.
Die Folgen für die Trinkwasserqualität
Stagnierendes Wasser im Straßennetz reagiert biochemisch identisch wie im Gebäude:
- Abbau von Desinfektionskapazitäten: Wird dem Trinkwasser zur Transportabsicherung Chlor zugesetzt, baut sich dieses in Stagnationsbereichen schnell ab. Das Wasser verliert seinen Schutz vor Wiederverkeimung.
- Aufwärmung im Erdreich: Insbesondere in den Sommermonaten erwärmt sich der Boden rund um flach verlegte Rohrtrassen. Stehendes Wasser überschreitet rasch die kritische Marke von 20 °C.
- Geschmack und Biofilm: Organische Substanzen lagern sich an den Innenwänden ab. Bei plötzlichen Druckschwankungen – etwa durch Netzumstellungen oder Feuerwehr-Entnahmen – können Biofilmpartikel abplatzen und in benachbarte Hausanschlüsse geraten.
Pflichten und Gegenmaßnahmen der Versorger nach DVGW
Die technischen Regelwerke für Wasserversorger (insbesondere DVGW W 400-1 und W 400-2) schreiben klare Schutzmaßnahmen vor, um Stagnationsrisiken im Netz zu minimieren:
- Gezielte Netzspülungen: An kritischen Netzendpunkten installieren Versorger automatische Spüleinrichtungen, die in den Nachtstunden definierte Wassermengen verwerfen, um die Fließgeschwindigkeit künstlich hochzuhalten.
- Rückbau am Hauptrohr: Bei der Stilllegung von Hausanschlüssen ist der Versorger verpflichtet, die Anbindeleitung direkt an der Hauptleitung zu trennen und die Abzweigung zu verschließen.
- Vermaschung statt Sackgassen: Bei Neuerschließungen werden Versorgungsnetze bevorzugt als Ring- oder Maschennetze ausgeführt, sodass das Wasser ständig aus verschiedenen Richtungen zirkuliert.
Fazit
Totleitungen sind kein reines Problem privater Gebäudeeigentümer. Auch öffentlich betriebene Leitungsnetze erfordern eine kontinuierliche hydraulische Überwachung. Nur wenn Stadtwerke inaktive Stränge im Straßennetz konsequent zurückbauen oder regelmäßig spülen, kann die geforderte Trinkwasserqualität an der Grundstücksgrenze garantiert werden.